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1. Die Familie Stiller

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Beschreibung:

Drei Jahre nach ihrer Scheidung möchte Angelina Valentini die Vergangenheit endgültig hinter sich lassen. Aus diesem Grund beschließt sie, in Kanada ein neues Leben anzufangen. Über das Internet findet sie eine Anstellung als Haushälterin im Hause von Familie Stiller. Herr und Frau Stiller und der fünfjährige Junior scheinen eine glückliche Familie zu sein. Plötzlich nehmen jedoch eigenartige Dinge ihren Lauf. Frau Stiller beginnt, Angelinas Arbeit zu sabotieren und Herr Stiller versucht Angelina zu bezirzen. Ist die Familie Stiller doch keine so glückliche Familie?

Daten:

Format: PDF eBook

Seiten: 144

Auflage: 2

Datum: 06.12.2018

Autorin: Heike Noll

Schauplatz: Kanada

 

Kostenlos

Preis 0,00 €

 

 


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Die Familie Stiller - Liebesroman PDF kostenlos
Band 1 Romantikstunde
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Leseprobe

Prolog

»Auf, in mein neues Leben«, sagte sich Angelina Valentini und wuchtete die schwere Tasche in den Kofferraum ihres metallicgrünen Geländewagens.

Drei Jahre waren seit ihrer Scheidung vergangen. Ihr Mann Peter hatte sie betrogen und oft nach Strich und Faden belogen. Angelina liebte ihn zur Zeit der Trennung noch sehr und hatte schwer darunter zu leiden. Diesmal jedoch war sie standhaft geblieben und hatte es durchgezogen, obwohl Peter sie zurückhaben wollte. Er schickte damals Entschuldigungsbriefe, Blumen und rief oft an und versprach ihr, alles wiedergutzumachen, da ihm seine neue Freundin anscheinend den Laufpass gegeben hatte. Angelina wies ihn eiskalt ab. Nicht allein deshalb, weil er sie betrogen hatte, sondern auch, weil sie das Gefühl hatte, in ihrem Leben etwas versäumt zu haben.

Jetzt, drei Jahre nach der Scheidung, war es endlich an der Zeit, ein neues Leben zu beginnen.

»Man ist nie zu alt, um neu anzufangen«, motivierte sie sich selbst.

Die Stellenanzeige im Internet, in der eine Familie in Kanada eine Haushälterin suchte, kam ihr dabei wie gerufen. Die Wohnung war gekündigt und die Schlüssel warf sie, wie mit dem Vermieter vereinbart, in den Briefkasten. Es wehte ein kühler Herbstwind und bedrohlich graue Wolken zogen sich über den Himmel. Angelina stieg ins Auto, zog ihren roten Anorak aus und warf ihn auf den Rücksitz neben den Proviantkorb. Sie startete den Motor, stellte die Autoheizung an, schaltete das Radio ein und fuhr los. Ihr Kopf wippte im Rhythmus der Musik. Voller Freude blickte sie der Zukunft entgegen und hatte nicht die geringste Ahnung, was das Schicksal in Kanada für sie bereithielt.

»Raus aus den USA und ab nach Kanada in mein neues Leben«, sagte sie melodisch. »Das wird ein tolles Abenteuer werden.«

Die Italienerin Angelina interessierte sich seit ihrer Kindheit für Kanada. Ihr größter Wunsch war es, einst dorthin auszuwandern. Vor zehn Jahren bekam sie nur eine Au-pair-Stelle in den USA, wo sie dann an einem ihrer freien Wochenenden Peter kennenlernte. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, was im Nachhinein wahrscheinlich auch am Reiz des Auswanderns in die Vereinigten Staaten von Amerika lag.

Ohne zu überlegen, brach sie damals ihr Studium als Übersetzerin ab und zog von Italien in die USA. Ihre Eltern waren von ihren Plänen nicht begeistert und versuchten vergebens, sie davon abzuhalten. Dennoch hielten sie zu ihrer Tochter und kamen schließlich auch zur Hochzeit. Später arbeitete Angelina im Büro von Peters Transportunternehmen. Es begann die Zeit, wo sie sich dann richtig kennenlernten. Wie sich bald herausstellte, wollte Peter im Gegensatz zu Angelina keine eigenen Kinder haben. Angelina wünschte sich nämlich eine Familie mit zwei oder drei Kindern, was Peter strikt ablehnte.

Angelina sah gerne Komödien und Unterhaltungsshows, Peter hingegen lieber Krimis, Horrorfilme und Sport. Streit, Frustration und Langeweile waren vorprogrammiert und lagen bald an der Tagesordnung.

Mindestens ein Mal im Monat telefonierte sich Angelina bei ihrer Mutter den Frust von der Seele. »Lass dich doch endlich scheiden«, empfahl die Mutter jedes Mal, als sie die Leiden ihrer Tochter zu hören bekam, was ihr sehr schmerzte.

Die Ehe wurde zur Belastungsprobe und das Paar lebte aneinander vorbei. Angelina fühlte sich wie in einem Leben, das nicht für sie bestimmt war. Sie war unglücklich und das spiegelte sich in ihrem Verhalten gegenüber Peter wider. Immer weiter lebten sie sich auseinander, bis er letztendlich über ein Jahr lang fremdgegangen war. Angelina hegte lange Zeit den Verdacht, dass Peter sie betrügen würde. Erst als sie die vielen Quittungen für die Blumengeschenke in seiner Geldbörse fand, hatte sie die Gewissheit und stellte ihn zur Rede. Peter tat so, als wäre nichts dabei und er versuchte, die Angelegenheit zu verharmlosen.

»Ja, und?«, antwortete er damals gleichgültig auf die Frage, ob er sie betrügen würde. »Was ist schon dabei? Wir alle sind Menschen.«

Ständig haderte sie und fragte sich, ob die Beziehung nicht doch zu retten sei. Dabei fielen ihr Peters Ausreden ein, die er sich immerzu zurechtgelegt hatte, als er nach seinem Besuch bei seiner Liebhaberin zu spät nach Hause kam. Er musste einen Lastwagen reparieren; er musste mit seinen Fahrern eine Besprechung einberufen; er hatte eine Autopanne; … und viele Ausreden mehr. Sie hatte ihr Leben für ihn aufgegeben und er hatte sie so dreist, rücksichtslos und gemein belogen. Das hatte sie nicht verdient. Als sie damals ihren Kinderwunsch äußerte, sagte er knallhart, er möchte keine Kinder haben und Kinder wären sowieso nur eine Belastung für ihn.

Das alles war jetzt endgültig vorbei, denn Angelina war endlich frei. Jetzt konnte sie das tun, was sie immer gerne tun wollte, wozu sie bestimmt war und was ihr gefiel. Was das war, wusste sie noch nicht, aber sie war gerade dabei, es herauszufinden.

Im rasanten Tempo fuhr sie über den Highway und die Wintersonne spiegelte sich im Asphalt. Je näher sie Kanada kam, desto kälter wurde es, und desto wärmer musste sie die Autoheizung einstellen. Die karge Landschaft war immer mehr mit Bäumen bewachsen und wurde immer grüner, je näher sie an die Landesgrenze kam. Einige Stunden später passierte sie die Grenze. Sie fuhr durch den kanadischen Wald und bewunderte die hohen, mächtigen Bäume, deren Baumkronen mit Schnee bedeckt waren. Die untergehende Sonne tauchte die Landschaft in ein geheimnisvolles, rotorangefarbenes Licht. Angelina drosselte ihre Geschwindigkeit und schaute sich nach einer Parkgelegenheit am Waldrand um. Ihr Magen knurrte und ihr Mund war so trocken, dass die Zunge am Gaumen klebte.

Wenig später steuerte sie den Geländewagen in einen verschneiden Waldweg. Der Schnee knirschte unter den Reifen und bildete hinter dem Wagen eine Wolke aus Schneestaub. Angelina parkte unter einer großen Tanne und stellte den Motor ab. Inzwischen war es bereits stockfinster und man konnte nur schwer die Umrisse der Bäume erkennen. Sie knipste das Licht im Autoinnenraum an und bekam ein mulmiges Gefühl. Mit der Hand fuhr sie sich über die Wangen und begutachtete im Rückspiegel ihre durch die Heizungsluft trockene und spannende Haut.

Sie holte den Proviantkorb von der Rückbank und stellte ihn nach vorne auf den Beifahrersitz. Fahrig kramte sie ein belegtes Brötchen heraus und fing an zu essen. Aus der silbernen Thermoskanne goss sie sich einen Becher Kaffee ein. Langsam kamen ihr Zweifel, ob die Entscheidung, nach Kanada auszuwandern, richtig gewesen sei. Hätte sie doch lieber das Angebot ihrer Eltern annehmen, und nach Italien zurückkehren sollen?

In ihrem Elternhaus wäre sie jederzeit herzlich willkommen gewesen. Das wollte sie aber nicht, weil sie dann an derselben Stelle gewesen wäre wie zehn Jahre zuvor. Nicht einmal das. Damals hatte sie wenigstens noch ihr Studium als Übersetzerin in Aussicht und heute hätte sie gar nichts mehr und müsste bei null anfangen. Einen solch großen Rückschritt wollte sie auf keinen Fall hinnehmen.

Ein Knacken aus dem Wald riss sie aus ihren Gedanken. Sofort dachte sie an einen Bären, was ihr einen Schauer über den Rücken trieb. Mit zitternder Hand machte sie die Autoscheinwerfer an und atmete erleichtert auf, als sie im Lichtkegel ein Eichhörnchen sah, das auf einen Baum flüchtete.

Noch immer spukte die mögliche Anwesenheit eines Bären in ihrem Kopf herum und motivierte sie zur Weiterfahrt. Als sie das Brötchen aufgegessen hatte, trank sie ihren Becher leer, wendete den Wagen auf die Straße, machte das Radio an und setzte ihre Fahrt fort. Sie fühlte sich erstaunlich wach und die erwartete Nachtmüdigkeit blieb aus. Das war bestimmt nicht nur dem Kaffee, sondern auch ihrer Aufregung geschuldet.

Sie erinnerte sich an die Bilder, welche ihr zukünftiger Chef Herr Rodney Stiller ihr zugeschickt hatte. Darauf war das Anwesen der Familie zu sehen. Es war eine Villa wie aus dem Bilderbuch. Es war ein schmuckes, großes Haus mit hölzernen Klappläden, das inmitten eines mit weißen Metallstäben umzäunten Parks stand. Auf einem zweiten Foto waren Herr Rodney Stiller und sein Sohn Jake zu sehen. Die dunkelbraunen Augen und das dunkelbraune Haar hatte sein Sohn zweifellos von ihm geerbt. Herr Stillers markante Gesichtszüge und sein Anzug, den er auf dem Bild trug, ließen erahnen, welch ein dominanter und selbstsicherer Mann er sein musste.

»Das muss er auch sein, sonst würden ihm die Angestellten seiner Werbefirma garantiert auf der Nase herumtanzen«, dachte Angelina. »Sicher hat er eine wunderschöne Frau, die zu ihm passt.«

Mit einem bedrückenden Gefühl erinnerte sie sich an ihr Foto, welches sie ihm zugeschickt hatte. Aus Angst, die Stelle könnte schnell vergeben sein, war sie so in Eile gewesen, dass sie ihm das erstbeste Bild gesendet hatte. Im Nachhinein schämte sie sich ein bisschen dafür. Das Foto hatte damals ihr Mann gemacht. Es war ein Schnappschuss und zeigte sie, als sie gerade morgens aus dem Badezimmer kam. Darauf waren ihre Augen noch halb geschlossen, aufgequollen und ihre Mundwinkel hingen nach unten. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihm ausgerechnet dieses Monsterfoto von sich zu schicken?

»Es kann ja nicht so schlecht gewesen sein, sonst hätte er sich nicht für mich entschieden. Außerdem spielt das Aussehen einer Haushälterin sicher nur eine untergeordnete Rolle«, versuchte sich Angelina zu beruhigen.

Je näher sie ihrem Ziel kam, desto nervöser wurde sie. Als sie ihr Ziel erreicht hatte, wurde es hell und die aufgehende Sonne tauchte die Stadt Calgary in ein goldenes Licht. Die Fensterscheiben der Häuser reflektierten die Sonnenstrahlen und ließen sie beim Vorbeifahren wie kleine Blitzlichter wirken. Mittlerweile war es 5 Uhr am Morgen und die Stadt war noch wie ausgestorben. Angelina nahm den Zettel mit der E-Mail, in der ihr Herr Stiller den Weg beschrieben hatte. Sie fuhr die breite Straße entlang bis zu einer Tankstelle, bog links ab und kam in ein luxuriöses Wohnviertel. Danach kam ein kleiner Tannenwald und kurz darauf sah sie den weißen Metallzaun, der zwischen den Hecken am Straßenrand hindurchschimmerte.

Sie parkte neben dem Einfahrtstor. »Ich bin rechtzeitig und kann mich noch ein bisschen ausruhen. In nur drei Stunden ist es so weit.«

Durch die weißen Gitterstäbe konnte sie durch den Park auf das prachtvolle Haus schauen, das mehr einem Schloss ähnelte. Es war angenehm still und man konnte das Plätschern des entfernten Brunnens aus dem Park hören. Angelina warf einen kontrollierenden Blick in den Rückspiegel. Ihre blauen Augen waren schmal vor Müdigkeit und darunter waren dunkle Ränder zu erkennen. Durch die Luft der Autoheizung wirkte ihr halblanges, hellblondes Haar brüchig und glanzlos, und ihre Wangen waren gerötet. Sie nahm eine Cremetube aus ihrer braunen Lederhandtasche und cremte sich das Gesicht ein. Mit den fettigen Händen knetete sie ihr Haar durch. Einigermaßen gestylt lehnte sie sich in den Sitz zurück, schloss die Augen und schlummerte ein.

 

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Kapitel 1 - Willkommen in der Familie

Ein Klopfen riss Angelina aus dem Schlaf. Als sie die Augen öffnete, blickte sie in das Gesicht eines dunkelhaarigen Mannes mit einem Bartschatten. Seine braunen zusammengekniffenen Augen wurden größer, und seine dunklen schön geschwungenen Augenbrauen hoben sich, als er Angelina in die Augen schaute. »Sind Sie Frau Valentini?«, fragte er mit einer angenehmen tiefen Stimme. »Ich bin Rodney Stiller.«

Angelina kurbelte hektisch das Wagenfenster herunter und vernahm den angenehmen Duft seines Aftershaves. »Ja, es tut mir leid. Ich war zu früh hier und …«

»Das ist in Ordnung, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Fahren Sie erst einmal Ihren Wagen in die Garage«, unterbrach er sie und zeigte durch das bereits offene Tor nach hinten zum Haus.

»Okay«, bestätigte Angelina seine Anweisung.

»Folgen Sie mir einfach«, forderte er und lief voraus. Angelina fuhr ihm hinterher und betrachtete unwillkürlich seine sportliche Figur in der schwarzen Jeans und dem blauen Wollpullover, der seine breiten Schultern bedeckte.

Am Haus angekommen, zeigte er auf eine Doppelgarage, in der ein silberner Mercedes Sportwagen stand. »Daneben können Sie parken.«

»Vielen Dank für Ihr Vertrauen«, brummte Angelina ironisch und war besorgt, sie könnte einen Kratzer in den Luxuswagen machen.

Unter höchster Anspannung lenkte sie ihren Wagen in die Garage und schaffte es zu ihrer Erleichterung einzuparken, ohne bei Herrn Stillers Nobelkarosse einen Totalschaden zu verursachen.

Aufmerksam öffnete er ihr die Wagentür, um sie aussteigen zu lassen. Dabei musterte er sie von Kopf bis Fuß, als wäre er ein kaufinteressierter Kunde, der eine teure Ware anschauen würde. »Ich … äh … hallo.«

»Da … da … danke, Herr Stiller«, stotterte Angelina, der die Situation unangenehm war.

»Rodney. Sie können mich Rodney nennen«, bot er ihr an. »Wir waren stets mit unseren Haushälterinnen per Du.«

»Okay, Rodney. Ich habe kein Problem damit. Ich bin Angelina«, stellte sich Angelina vor.

»Ich dachte immer, Italiener wären schwarzhaarig und braunäugig«, sagte er neugierig. »Sie sind blond und haben blaue Augen, wie mir aufgefallen ist.«

»Ich stamme von Norditalien. Da gibt es viele blonde Menschen«, erwiderte Angelina. »Außerdem sind Sie mit Ihrer Meinung einem Klischee aufgesessen.«

»Wie … wie war die Fahrt?« Rodney schaute sich suchend um.

»Also, es war eine sehr lange und …«

»Ann! Jake! Kommt! Die Haushälterin ist hier«, schrie Rodney dazwischen, dass Angelina vor Schreck zusammenzuckte.

»Tut mir leid. Was wolltest du gerade sagen?«, fragte er sie verlegen.

»Nichts«, antwortete Angelina gekränkt. »Ich bin angekommen und nur das zählt.«

Eine schlanke Frau mit kurzen braunen Haaren erschien an der Tür. »Ich bin Frau Stiller. Du kannst mich Ann nennen.«

Angelina reichte der Frau zur Begrüßung die Hand. »Hallo, Ann. Ich bin Angelina.«

»Willkommen, Angelina. Ich bin Jake«, rief eine Kinderstimme, bevor ein kleiner Junge hinter Ann hervorkam.

»Hallo, Jake. Herzlichen Dank«, freute sich Angelina und ging in die Hocke, wo sie gleich eine herzliche Umarmung von Jake erhielt.

Doch dabei spürte sie die kritischen Blicke von Ann, die ihr nicht so geheuer war. Denn obwohl Ann lächelte, waren ihre Augenbrauen zusammengezogen und ihre Arme waren verschränkt, was sehr abweisend wirkte.

Jake legte den Arm um Angelinas Schulter, als würden sie sich eine Ewigkeit kennen. »Bleibst du jetzt für immer hier?«

»Ich versuche es«, antwortete Angelina lächelnd und suchte mit Ann und Rodney Blickkontakt. Ann wich ihrem Blick aus, aber Rodney erwiderte ihr Lächeln.

»Wir hoffen es, Jake«, sagte er mit samtweicher Stimme und zwinkerte Angelina zu.

»Ja, wollen wir es hoffen«, fügte Ann tonlos hinzu.

»Wir haben dein Zimmer vorbereitet«, rief Jake aufgeregt und nahm Angelina an der Hand. »Willst du es sehen?«

Angelina nickte. »Gerne doch.«

»Ja, komm mit!«, forderte Ann auf und marschierte voraus.

»Wir treffen uns nachher im Arbeitszimmer und erledigen dort die Formalitäten«, wies Rodney hin. »Bis nachher dann.«

»Okay, ich werde Angelina nachher zu dir runterschicken, Rodney«, meinte Ann.

Angelina folgte Ann und Jake durch einen großen, hellen Eingangsbereich. Sie gingen die Stufen hinauf und kamen in einen dunklen Flur, in dem sich auf beiden Seiten weiße Holztüren befanden.

Ann öffnete eine Tür und präsentierte Angelina stolz das Zimmer. »Das ist dein Reich. Es ist ein Schlafzimmer mit Badezimmer.«

»Gefällt es dir?«, fragte Jake und kicherte aufgeregt.

»Oh ja, sehr«, log Angelina, weil das Zimmer mit dem weißen Marmorfußboden ihrer Meinung nach eher einem Krankenhauszimmer als einem Schlafzimmer ähnelte. Es wirkt kalt und steril, aber mit ein paar bunten Blumen, Vorhängen und Teppichen wird sich das beheben lassen, dachte sie bei sich.

»Du hast jetzt eine Stunde Zeit, um deine Sachen auszupacken und dich frisch zu machen. Wir sehen uns nachher in der Eingangshalle«, sagte Ann streng, nahm Jake an der Hand und verließ mit ihm das Zimmer.

Angelina zog die beigefarbene Gardine zur Seite und spähte zum Fenster hinaus in den Park. Danach inspizierte sie das Zimmer und das Badezimmer.

Sie hatte ein seltsames Gefühl, denn Anns strenges Auftreten beunruhigte sie sehr. Mit dieser Frau werde ich es bestimmt noch schwer haben, dachte sie und ahnte nicht, wie recht sie damit haben sollte.

Sie holte ihre Gepäckstücke aus dem Auto und trug sie nach oben in ihr Zimmer. Das Haus schien menschenleer und kein Personal begegnete ihr auf dem Weg nach unten. Langsam dämmerte es ihr, was ihre Stelle als Haushälterin so alles beinhalten könnte.

»Es gibt garantiert keinen Koch, kein Putzmädchen und keinen Butler. Dies sind hundertprozentig die Aufgaben der Haushälterin«, bangte sie, während sie ihre Wäsche in den Kleiderschrank räumte. »Hoffentlich kann ich das alles bewältigen.«

Anschließend ging sie ins Badezimmer, zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Das wohltuend warme Wasser umspülte ihren Körper und entlockte ihr ein Stöhnen. Am liebsten hätte sie stundenlang unter der Dusche zugebracht. Das war aber leider nicht möglich, denn schließlich wurde sie in wenigen Minuten von ihrem neuen Chef erwartet und sollte sich beeilen.

Nach dem Duschen hüllte sie sich in ein flauschiges Badetuch ein und trocknete sich ab. Sie zog ihre weinrote Bluse, ihre schwarze, enge Jeans an und schlüpfte in ihre weißen Clogs. Vor dem Spiegel, der über der weißen Kommode hing, föhnte sie ihr Haar und band es anschließend zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Als sie kurz danach die Stufen herunterkam, stand Ann wartend im Eingangsbereich und schaute lächelnd auf ihre goldene Armbanduhr. »Das lobe ich mir. Du bist sehr pünktlich.«

Angelina lächelte zurück. »Ja, danke.«

»Folge mir!«, forderte Ann auf und lief, gefolgt von Angelina, durch den Korridor seitlich des Eingangsbereichs, wo sie eine Bürotür öffnete. »Wir sind da, Rodney.«

Rodney saß am Schreibtisch und klappte seinen Laptop zu. »Danke, Ann. Du kannst uns jetzt alleine lassen. Ich möchte mich mit unserer Haushälterin alleine unterhalten.«

Angelina kam ins Büro und schloss die Tür hinter sich.

»Setz dich, Angelina«, bot Rodney ihr den schwarzen Ledersessel vor dem Schreibtisch an. »Mach es dir bequem.«

Angelina setzte sich und schlug die Beine übereinander, was ihr mit der engen Jeans Probleme bereitete. Unauffällig zupfte sie das Hosenbein zurecht und schwang das Bein erneut, bis es ihr gelang, es richtig zu positionieren. Rodney huschte dabei ein Lächeln übers Gesicht, was Angelina ein wenig unsicher machte. War es so offensichtlich, dass die Hose zu eng war, um elegant die Beine übereinanderzuschlagen?

»Gefällt es dir hier?«, fragte er sanft, als würde er mit einem Kind sprechen.

»Ja, sehr«, antwortete Angelina, wobei sie sich in Wirklichkeit noch kein Bild von der Familie machen konnte. Ganz besonders nicht von Frau Stiller, die einen solch strengen Eindruck vermittelte. Was erwartete er? Sie war ja gerade mal eine Stunde da?!

Ein Blick in Rodneys braune Augen mit den dichten Augenbrauen machte Angelina bewusst, dass Ann wahrscheinlich eifersüchtig sein könnte. Bei einem solch attraktiven Mann sollte man auch vorsichtig sein, dachte sie und fing an, Anns abweisendes Verhalten zu verstehen.

Mit einer ausladenden Handbewegung reichte Rodney ihr ein Dokument. »Ich hatte bereits gestern Abend alles vorbereitet. Hier ist dein Arbeitsvertrag, Angelina.«

Angelina übergab Rodney ihre Arbeitspapiere, nahm den Vertrag, legte ihn auf den Tisch und ließ ihren Blick suchend nach einem Schreibgerät über die Tischplatte gleiten. Rodney schien ihre Gedanken lesen zu können, denn er reichte ihr einen silbernen Kugelschreiber.

»Vielen Dank, Rodney.« Angelina wollte den Stift nehmen.

Doch Rodney hielt ihn fest. »Willst du den Vertrag nicht erst lesen?«

»Ich bin froh, hier in Kanada eine Arbeit gefunden zu haben. Ich vertraue dir und lese ihn heute Abend in meinem Zimmer durch«, erklärte sie, zog ihm unsanft den Kuli aus der Hand und unterschrieb das Dokument.

Das zweite Exemplar des Vertrags faltete sie zusammen und steckte es in die Gesäßtasche.

»Danke für dein Vertrauen, Angelina«, bedankte sich Rodney.

Er beugte sich nach vorne, stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und faltete die Hände ineinander. Sein interessierter Blick und seine Augen ließen Angelina erzittern. Sie glaubte mehr darin zu erkennen als nur die Gefühle, die ein Chef seiner Haushälterin entgegenbringt. Vielleicht täuschte sie sich auch und seine Augen sahen immer so aus. Zu absurd schien ihr der Gedanke, dass Herr Stiller darauf aus wäre, mit ihr eine Affäre anzufangen. Zumal er von zu Hause aus arbeitete und Frau Stiller ständig anwesend war. Abgesehen davon, würde sich Angelina auf so etwas sowieso niemals einlassen. Einerseits aus Rücksicht auf die Familie, andererseits, weil sie niemals das fünfte Rad am Wagen sein wollte.

»Du siehst in Wirklichkeit noch besser aus als auf dem Foto«, sagte er, worauf sich ihr der Magen zusammenzog. 

Wie konnte er sie nur auf dieses hässliche Foto ansprechen? Aber da war es. Das war die Bestätigung. Angelina hatte sich doch nicht getäuscht und lag mit ihrer Vermutung goldrichtig. Ihr Chef erweckte den Eindruck, in sie verliebt zu sein und machte ihr auch noch Komplimente. Oder wollte er nur höflich sein und sagte das zu jeder Frau? War es vielleicht nur eine Art von Rodney Stiller und es hatte rein gar nichts zu bedeuten? Angelina war irritiert. Sie kannte den Mann nicht und konnte ihn daher weder einschätzen noch verurteilen.

»Sie auch«, rutschte es ihr heraus und sie konnte es kaum glauben, dass sie das tatsächlich gesagt hat. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Vielleicht wollte Rodney sie nur testen? Prima, jetzt stehe ich als Schlampe da. Er denkt garantiert, ich würde mich mit verheirateten Männern einlassen, dachte sie mit Sorge und spürte, wie ihr Gesicht rot wurde.

»Das muss dir nicht peinlich sein, Angelina. Ich habe das bereits oft gehört«, scherzte Rodney, als hätte er erneut ihre Gedanken gelesen, wobei das nicht allzu schwer war, weil die Röte in ihrem Gesicht nicht zu übersehen war.

»Ja, das kann ich mir denken«, antwortete sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Wie meinst du das?«, interessierte er sich.

Ich kann doch nicht sagen, wie unverschämt gut er aussieht, ging ihr durch den Kopf.

»Das war wohl ironisch gemeint. Bin ich denn so hässlich?«, bohrte Rodney weiter.

Angelina fühlte sich in die Enge getrieben und antwortete schroff: »Lass uns von etwas Anderem reden als nur von dir! Es gibt bestimmt wichtigere Dinge, die wir besprechen sollten.«

Rodneys Miene verriet, wie überrascht er war, von ihr eine solch direkte Anweisung zu erhalten. Er war wahrlich überrascht. Eine Konfrontation mit einer fremden Person mit so viel Selbstvertrauen hatte er noch nie erlebt. Schon gar nicht mit einer fremden Frau. Sein überraschter Gesichtsausdruck wandelte sich in einen bewundernden. Seine Augen scannten interessiert ihren Körper ab.

»Dann gehe ich mal an die Arbeit«, beendete Angelina das Gespräch, um sich seinen Blicken zu entziehen.

»Schade.« Rodney lächelte. »Naja, viel Spaß bei der Arbeit.«

Angelina war erleichtert. Das Gespräch zu beenden war einfacher, als sie gedacht hatte. Als sie das Büro verließ, drehte sie sich um, um die Tür zu schließen. Dabei stellte sie fest, dass Rodney ihr nachgesehen hatte. Als Antwort darauf setzte sie ein übertriebenes, falsches Grinsen auf und schloss die Tür.