Liebesroman

2. Eine besondere Weihnachtsüberraschung

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Beschreibung:

Henry Carrisons Eltern haben die Nase voll. Der Sohn der wohlhabenden Nobelkarossen Händler benimmt sich ständig daneben und schlägt häufig über die Stränge. Umgeben von hübschen jungen Frauen genießt er seine Urlaube in vollen Zügen. Er lässt sich von morgens bis abends bedienen und zeugt seinem Personal nicht den nötigen Respekt. Die Carrisons schenken ihrem Sohn einen Urlaub in einer einsam gelegenen Waldhütte, wo er völlig auf sich alleine gestellt ist. Schnell bemerkt er, dass er mit Nahrungszubereitung und Haushalt gar nichts am Hut hat. Unweit verbringt die mollige Schriftstellerin Sarah Clarkson mit ihrem Sohn Tom und ihrer Schwester Hillary ihren Urlaub. Henry möchte Sarah kurzerhand als Haushälterin während seines Aufenthalts in der Waldhütte einstellen. Doch bei Sarah gerät der arrogante Millionärssohn an die falsche Adresse und muss feststellen, dass nicht jeder käuflich ist. Aber bald gerät er in Not ...



Leseprobe

Prolog

Sarah Clarkson klopfte an der Schlafzimmertür und trat ein. Hillarys Lockenkopf schaute zwischen der glänzend roten Satinbettwäsche heraus. »Du fährst schon, Schwesterherz?«

»Ja, ich mach mich jetzt auf den Weg. Wir sehen uns morgen Abend. Vergiss nicht, genügend Proviant für die Fahrt mitzunehmen!«

Hillary winkte ab. »Keine Sorge, Tom wird schon nicht verhungern. Wenn ich ihn morgen von der Schule abgeholt habe, gehen wir erst essen, bevor wir losfahren. Und für die Fahrt werde ich ein paar Wurststullen vorbereiten.«

»Prima. Wir sehen uns morgen«, verabschiedete sich Sarah.

»Ja, bis morgen«, krächzte Hillary, schaute auf ihren Wecker, drehte sich um und schlief wieder ein.

Sarahs blonde, lange Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht, als sie die Koffer zum Auto in der Einfahrt schleppte. Es war kühl und die aufgehende Sonne färbte den Himmel orangerot. Eilig lud sie ihr Gepäck in den pinkfarbenen Geländewagen ein und fuhr los. Der Stadtverkehr von Winnipeg war ziemlich dicht und ihr kam es fast so vor, als würden die Ampeln absichtlich immer rot werden, sobald sie sich ihnen näherte.

Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf das Lenkrad. »Jetzt komm endlich und werde grün.«

Sarah fühlte sich leicht gestresst, weil sie noch einiges vorhatte. Sie befand sich auf dem Weg zu ihrer kanadischen Waldhütte, wo sie mit ihrem 10-jährigen Sohn Tom und ihrer Schwester Hillary die Weihnachtsferien bis Neujahr verbringen wollte. Sie fuhr einen Tag früher los, um das Häuschen vorher aufzuheizen und ein bisschen in Schuss zu bringen, bevor Hillary und Tom nachkommen. Endlich floss der Verkehr wieder und bald kam sie aus Winnipeg raus. 

Ihre Schwester war gleichzeitig auch Toms Kindermädchen. So konnte sich Sarah konzentriert ihrer Arbeit als Schriftstellerin widmen, womit sie dank ihres Erfolges auch gut genug verdiente, um ihre Schwester zu bezahlen und bei sich wohnen zu lassen. Sie hatte ein eigenes Haus und eigentlich wollte sie die Wohnung im oberen Stockwerk Hillary zur Verfügung stellen. Leider hatte ihr dabei aber ein Sturm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein umstürzender Baum war durch das Fenster gekracht und hatte ausgerechnet den Sicherungskasten beschädigt, der für die Stromversorgung des Stockwerks zuständig war. Ein kaputtes Fenster und kein Strom war das Resultat. Das sollte sich aber bald ändern.

Durch die viele Schreibarbeit musste Sarah viel sitzen, was ihre Figur über die Jahre verändert hatte. Was sie einmal als weite, bequeme Hose gekauft hatte, ähnelte heute mehr einer Leggings.

»Was soll‘s?«, dachte sie sich.

Anfangs war sie über ihre Figur noch besorgt. Doch mit der Zeit hatte sie sich an ihre Speckröllchen gewöhnt. Ihr sollte es ja gefallen und nicht anderen Leuten. Wem es nicht passt, der soll eben wegsehen, war inzwischen ihre Einstellung. Sie sah es nicht mehr ein, zu hungern, nur um einem Modetrend zu entsprechen oder anderen zu gefallen.

Eigentlich war das so, seit ihr Mann sie damals, als Tom zwei Jahre jung war, verlassen hatte. Damals war sie immerhin noch rank und schlank. Ständig hatte sie auf alles verzichtet, nur, um ihm zu gefallen und im Trend zu sein.

Was hat es ihr gebracht? Nichts! Im Gegenteil, sie ärgerte sich nur noch mehr über sich selbst, dass sie dieses Opfer des Verzichtes erbracht hatte, um nach der Schwangerschaft die Pfunde wieder loszuwerden, nur um ihm zu gefallen. In den vier Jahren, in denen sie mit Toms Vater George zusammen war, ließ sie sich ständig von ihm herumkommandieren und bevormunden. Es war eine schwere Zeit und Sarahs Eltern waren nach Neuseeland ausgewandert, so konnte sie nur bei ihrer Schwester ihr Herz ausschütten. Das war jetzt aber längst vorbei.

Heute hatte Sarah von dem Spielchen der unterwürfigen, gehorsamen Frau die Nase gestrichen voll und stand zu sich und zu ihrer Figur. Als alleinerziehende Mutter hat sie gelernt, sich selbst zu vertrauen und zu sich zu stehen. Das hat ja auch sehr gut geklappt. Immerhin war sie jetzt eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden und darauf war sie sehr stolz. Sie hatte es aus eigener Kraft geschafft und hatte sich vom dürren "Ja" sagendem Modepüppchen zu einer starken, reifen Frau entwickelt.

Endlich hatte sie Winnipeg verlassen und konnte den Wagen beschleunigen. Inzwischen war es hell geworden. Die Sonne hatte sich hinter den Wolken versteckt und der Himmel färbte sich wintergrau. Je näher sie den Wäldern kam, desto verschneiter waren die Straßen. Nach einigen Fahrt Stunden und einigen Pausen bog sie in einen verschneiden Waldweg ab.

 

 ♥♥♥

 

Henry saß an seinem glänzenden Edelholzschreibtisch und wartete. Der Blick seiner dunkelbraunen Augen glitt über die mit Mahagoniholz verkleideten Wände. Er hörte Schritte vor der Bürotür, die kurz danach aufging.

Der Bedienstete lächelte mitleidig. Ihre Limousine steht bereit, Mister Carrison.«

»Es wird auch höchste Zeit«, knurrte Henry Carrison und warf einen Kontrollblick aus dem Fenster, um die Aussage bestätigt zu wissen.

Schließlich verließ er mit grimmiger Miene das Büro und lief durch den langen Flur, wobei er von allen Seiten seine Angestellten hörte: »Wiedersehen, Mister Carrison. Wir wünschen Ihnen einen schönen Urlaub.« Henry nickte nur stumm und wirkte genervt. Schwang in den Worten seiner Angestellten etwa Schadenfreude mit und hatte er etwa gerade ein leises Kichern vernommen?

Kurz darauf verließ er das Gebäude und lief zum Wagen, der bereits mit laufendem Motor auf ihn wartete. Eine Frau in einer dunkelblauen Uniform hielt ihm die Tür auf. »Ihr Gepäck befindet sich im Kofferraum, Mister Carrison. Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub.«

»Sparen Sie sich Ihre Kommentare«, brummte Henry, setzte sich auf den mit schwarzem Leder bezogenen Rücksitz und machte eine Handbewegung, worauf die Tür geschlossen wurde.

Die schwarze Limousine setzte sich in Bewegung. Henry drückte auf den Knopf an der Trennwand und ließ die Scheibe zwischen Chauffeur und sich hochfahren. Er streckte seine Beine aus und rekelte sich im Sitz hin und her. Dann klappte er die Getränkebar vor sich auf, nahm eine kleine Flasche Mineralwasser und ein Glas heraus. Er beugte sich nach unten und begutachtete sich im Spiegel der Bar. Mit der Hand strich er über seine dunkelbraunen kurzen Haare und zog mehrmals die Brauen hoch, um die Zornesfalte verschwinden zu lassen. Er schenkte sich Wasser in das Glas und nippte daran. Nachdenklich betrachtete er das angelaufene Glas in seiner Hand, als wäre es eine Kristallkugel, in der er die Zukunft sehen könnte.

»Warum habe ich mich nur darauf eingelassen?«, warf er sich vor. »Weil sie meine Eltern und gleichzeitig meine Vorgesetzten sind«, versuchte er sich die Frage selbst zu beantworten.

 Der Gedanke, dass er auf dem Weg war, um seinen Urlaub in einem kanadischen Waldhaus zu verbringen, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Ärgerlich und zugleich bedrohlich fand er, dass er nicht selber mit einem seiner Sportwägen fahren durfte, weil das Gelände angeblich zu unwegsam wäre. Als seine Eltern ihm den Buchungsschein übergaben, sagten sie, es sei eine besondere Weihnachtsüberraschung. Na, das ist aber eine tolle Überraschung, meinte er sarkastisch. Viel lieber hätte er seinen Urlaub im Süden und in Gesellschaft hübscher Frauen verbracht, wie er es bisher immer getan hat. Aber das würde ja laut seinen Eltern dem Ansehen der Firma schaden. Er solle endlich zur Vernunft kommen und seine Vielweiberei bleiben lassen. Dieser Urlaub sollte ihn angeblich auf den richtigen Weg führen.

»Na hoffentlich gibt es dort gutes Personal und tolle Freizeitangebote«, dachte er sich.

Seine Eltern hatten damals den Handel von Nobelkarossen zu einem Imperium aufgebaut. Henry hingegen wurde in diesen Reichtum hineingeboren und wusste diese Macht zu nutzen. Schließlich gab es genügend Frauen, die ihn nur wegen des Geldes begehrten. Warum hätte er sich diese Gelegenheit entgehen lassen sollen? Er besaß nicht nur Geld und hatte Macht, sondern war dazu auch noch eine sehr attraktive Erscheinung. Sein athletischer Körper, sein männlich markantes Gesicht, sein dunkelbraunes Haar und seine ebenholzfarbenen Augen hätten so manche Frau um den Verstand bringen können. Henry kostete seinen Einfluss in vollen Zügen aus. Die Frauen, die sich bisher mit ihm eingelassen hatten, wurden am selben Abend noch beglückt. Trotzdem war Henry danach nicht so glücklich, wie er es sich gewünscht hätte. Vielleicht war das der Grund, auf die Bitte seiner Eltern einzugehen und seinen Urlaub in der Waldhütte zu verbringen, um endlich zur Besinnung zu kommen.

Allmählich entspannte sich sein Gesicht und die Falten auf seiner Stirn schwanden. Gedankenversunken starrte er aus dem Autofenster, als der Wagen die Stadt verließ. Zwei Wochen ohne Frau, das mochte er sich kaum vorstellen. Seit seinem 18. Lebensjahr verging kaum ein Tag, an dem er keine hübsche Frau in seinem Bett hatte. Sein Blick wanderte durch die Scheibe nach vorne zum Chauffeur. Selbst der schien zu grinsen und ihn auszulachen. Aber wahrscheinlich redete er sich das auch nur ein.

Sexsüchtig, so hatten ihn seine Eltern sogar genannt. Er sei sexsüchtig. Je mehr er darüber nachdachte, desto stärker fing er an, diese Bemerkung zu glauben. Denn tagsüber im Büro überlegte er nämlich bereits, mit wem er wohl diesmal die Nacht verbringen werde. Rot, Blond, Braun oder Schwarz? 

»Nein!«, sagte er sich. »Ich bin nicht sexsüchtig. Was wäre ich für ein Mann, wenn ich die Chancen nicht nutzen würde, wo sich diese geldgierigen Frauen mir doch hingeben?«

Fest entschlossen, seinen Eltern zu beweisen, wie sehr sie sich in ihm getäuscht hatten, schob er das Kinn nach vorne und lehnte sich zurück in seinen Sitz.

Wie aber sollte es nach Neujahr weitergehen? Wo sollte er sich abreagieren? Wie stellten sich seine Eltern das eigentlich vor? Das wollte er nach seinem Urlaub mit ihnen klären. Jetzt war es erst mal notwendig, seine Körperbeherrschung zu beweisen. Seinen Eltern und sich selbst gegenüber. Auch den Angestellten mit ihrem schadenfrohen Grinsen, das sie aufgesetzt hatten, als sie sich gerade von ihm verabschiedet hatten.

 

 

Kapitel 1

Stunden vergingen, die Limousine näherte sich ihrem Ziel und parkte im knöchelhohen Schnee am Waldrand, wo ein olivgrüner Geländewagen bereitstand. Ein kleiner grauhaariger Mann mit Hut und verschlissener Kleidung stand neben dem Auto und nickte ihnen zur Begrüßung zu.

»Wir sind da, Mister Carrison«, informierte der Chauffeur. »Mister Walton ist bereits da. Er wird Sie zu Ihrer Unterkunft bringen.«

Der Chauffeur stieg aus und öffnete seinem Fahrgast die Tür. Anschließend lud er das Gepäck von der Limousine in den alten Geländewagen um.

Der grauhaarige Mann begrüßte Henry mit einem kräftigen Handschlag. »Hallo, Mister Carrison. Ich bin Mister Walton. Ihre Eltern trafen eine gute Wahl. Ich bin mir sicher, Sie werden mit meiner Waldhütte vollauf zufrieden sein.«

»Ich hoffe es für Sie!«, meinte Henry schnippisch.

Der Chauffeur öffnete ihm die Tür des rostigen Geländewagens. Henry zögerte kurz, stieg ein und nahm auf den abgewetzten Polstern des Rücksitzes Platz. Dann fuhren sie los und der Wagen bog in die kanadischen Wälder ein. Henry schaute aus dem Heckfenster und sah seine Limousine samt Chauffeur verschwinden. Angewidert zog er ein Erfrischungstuch aus seinem Jackett und wischte sich die Hand ab, die er Mister Walton gerade zur Begrüßung gegeben hatte. Vorsichtig atmete er einige Male durch die Nase tief ein. Zu seiner Verwunderung schien der Mann mit seiner vergammelten Kleidung, der gerade den Wagen fuhr, nicht zu stinken.

»Wollen Sie nicht lieber vorne sitzen?«, fragte Mister Walton mit kratziger Stimme.

»Warum sollte ich?«, entgegnete Henry abweisend.

»Weil Sie vorne eine bessere Sicht haben und da hinten sowieso keinen Fernseher, Computer oder sonstigen Schnickschnack haben, wie Sie es wohl gewohnt sind«, meinte Mister Walton mit einem Lachen in der Stimme.

Henry verkniff sich seine Antwort und runzelte verbissen die Stirn. »Seit wann sind Unterhaltungsmedien oder Arbeitsgeräte Schnickschnack? Meine Güte. Mit welchen Dorftrotteln werde ich hier wohl noch zusammentreffen? Hoffentlich hat das Personal im Waldhotel einigermaßen Niveau«, dachte er voller Sorge.

Normalerweise war er es gewohnt, sich nur in der High Society zu bewegen. Einen solchen Umgangston, wie ihn Mister Walton an den Tag legte, fand er sehr gewöhnungsbedürftig. Er kam sich vor, als hätte man ihn in ein Gehege mit Wilden gesperrt.

»Wie viele Sterne hat Ihr Hotel?«, hakte er nach.

Mister Walton kratzte sich am Kopf und fuhr sich über die grauen Bartstoppeln. »Hä? Was haben Sie gemeint?«

»Nichts! Sterne sagen sowieso nichts aus«, antwortete Henry barsch und schüttelte den Kopf. Sorgsam zupfte er seine Krawatte zurecht, um für die Ankunft im unbekannten Hotel angemessen auszusehen. Entspannt lehnte er sich in seinen Sitz zurück und plante im Geiste seinen Tag. »Zuerst werde ich an der Bar einen Drink zu mir nehmen, während sich die Angestellten um mein Gepäck kümmern. Anschließend werde ich … schwimmen …«

Er beugte sich nach vorne. »Gibt es in Ihrem Hotel eigentlich einen Swimmingpool, Mister Walton?«

»Nein«, antwortete Mister Walton. »In der Nähe gibt es aber einen See, in dem man schwimmen kann. Das würde ich aber nur im Sommer empfehlen, weil er jetzt zugefroren ist.«

Henry war leicht schockiert. »Witzbold!«, brummelte er und starrte auf die fleckigen Vordersitze.

Seine Blicke fielen durch das schmutzige Fenster in den schneebedeckten Tannenwald. Verträumt stellte er sich vor, wie eine wunderschöne und schlanke Zimmerkellnerin ihm Champagner serviert, während er gemütlich in der Badewanne liegt. Er stellte sich vor, wie sie ihm den Rücken schrubben, und anschließend Gesellschaft in der Wanne leisten würde. Das nächste Schlagloch riss ihn aus seinen Gedanken.

»Falls sich mir ein bezauberndes Zimmermädchen anbieten würde, hätte man mir nichts vorzuwerfen, wenn ich ihr diesen Wunsch erfüllen würde«, dachte er vergnügt, wobei ein Lächeln über sein Gesicht huschte.

Konzentriert kniff er seine Augen zusammen, um sich das Bild des imaginären Zimmermädchens, welches das Schlagloch zunichte gemacht hatte, wieder vor sein geistiges Auge zu führen. Zu seinem Bedauern gelang es ihm nicht mehr. Dennoch ging es ihm nach diesen Gedanken erheblich besser. Der Urlaub könnte doch noch schön werden, dachte er sich.

 

 ♥♥♥

 

Derweil unterhielten sich Henrys Eltern ernsthaft über ihren Sohn. 

»Denkst du, es war die richtige Entscheidung, Peter?«, fragte Martha Carrison ihren Mann.

Peter nickte. »Natürlich! Wir waren so mit unserer Firma beschäftigt, dass wir gar nicht darauf geachtet hatten, ob Henry bodenständig bleibt.«

»Ja, unser Sohn hat sich wirklich an den Luxus zu sehr gewöhnt, obwohl du eigentlich immer viel mit ihm unternommen hast«, stimmte Martha zu.

»Als er ein Kind war, haben wir unsere ersten Autos eigenhändig repariert«, erinnerte sich Peter. »Wir haben Regale gebaut und sonstige Dinge gemeinsam unternommen. Wie es scheint, ist nur wenig davon bei ihm hängen geblieben. Die Werte, die ich ihm mit diesen Aktionen vermitteln wollte, wurden durch das anschließende Luxusleben vollständig ausgelöscht.«

»Wäre er doch nur ein kleines bisschen mehr wie seine Schwester«, meinte Martha bedrückt.

Peter schmunzelte. »Judith ist ganz anders als er. Sie ist eine Denkerin und eine grandiose Handwerkerin obendrein. Henry ist ein guter Kerl, aber das müsste man erst aus ihm herauskitzeln. Irgendwo tief in seinem Inneren wird es noch vorhanden sein.«

»Ja, seine Schwester hatte schnell ihren Weg gefunden und wirkt ausgeglichen und gefestigt. Henry hingegen ist anscheinend immer noch auf der Suche nach sich selbst.«

Peter kniff die Lippen zusammen. »Für Judith hat Geld im Gegensatz zu Henry auch nie eine so große Rolle gespielt. Er genießt es, wie ihm alle zu Füßen liegen, sobald er nur mit den Scheinen wedelt.«

»Unser Sohn soll zudem auch ein richtiger Kotzbrocken sein. Hast du das auch gehört?«, erkundigte sich Martha.

»Ja, das kam mir zu Ohren. Er behandelt seine Mitmenschen nicht mit dem nötigen Respekt. Ich konnte das gar nicht glauben, als ich das hörte.«

»Wie konnten wir zulassen, dass sich unser Sohn so entwickelt? Er ist verwöhnt, unselbstständig und herrschsüchtig«, warf sich Misses Carrison vor.

»Die Bediensteten ließen sich auf der Nase herumtanzen und konnten ihm nichts abschlagen«, meinte Peter. »Er hat immer alles bekommen, was er wollte. Das war ein großer Fehler.«

Misses Carrison wirkte betroffen und ihr Mann legte seinen Arm um ihre Schulter. »Keine Sorge, Liebes. Dieser Urlaub wird ihm zeigen, was es heißt, auf sich alleine gestellt zu sein. Ich bin mir absolut sicher, diese Erfahrung wird ihn bereichern.«

»Hoffen wir das Beste«, wünschte sich Martha. »Ich bete zu Gott, der Urlaub wird ihm helfen, seine Einstellung zum Leben tatsächlich zu verändern.«

Peter lächelte zufrieden. »Wenn er sich um alles selber kümmern muss, wird er den Wert der Arbeit zu schätzen lernen. Zukünftig wird er unsere Angestellten für ihre Leistungen respektieren.«

Martha grinste. »Hoffentlich hat er dann auch mehr Respekt vor dem weiblichen Geschlecht und lässt diese leichten Mädchen links liegen.«

»Wir können ihm nichts vorwerfen. Er lebt, sinnbildlich gesprochen, hinter einer dicken Eisentür in seiner Scheinwelt. Doch jetzt haben wir ihn vor die Tür gesetzt und er wird das wahre Leben kennenlernen müssen, ob es ihm passt oder nicht.«

Peter und Martha grinsten sich triumphierend an. Lange genug hatten sie weggesehen und lange genug hatten sie gewartet. Oft genug hatten sie auf ihren Sohn eingeredet und bis zuletzt gehofft, er würde sich ändern. Jetzt, wo Henry alt genug war, sahen sie sich gezwungen, endlich einzugreifen, wenn sie ihre Enkelkinder noch erleben wollten.

Immer hofften sie darauf, Henry würde einmal die richtige Frau finden, mit der er bereit wäre, eine Ehe zu führen. Leider gab er sich aber nur mit diesen käuflichen Millionärsjägerinnen ab. Von seiner Schwester Judith konnten sie keine Nachkommen erwarten, das war ihnen klar. Peter und Martha hatten das Gefühl, sich goldrichtig entschieden zu haben, ihren Sohn für zwei Wochen in die Einsamkeit der kanadischen Wälder zu schicken.