Liebesroman

7. Eine Schneeprinzessin zum Verlieben

Liebesroman PDF Eine Schneeprinzessin zum Verlieben
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Beschreibung:

Zwischen Emilia und Harold kriselte es schon lange. Als sie von Kalifornien ins verschneite Kanada reisen, wo Harold in Banff im Springs-Hotel eine Produktpräsentation seiner Firma für Backmischungen vorführen möchte, findet die Beziehung endlich ein Ende. 

Emilia verlässt in der Abenddämmerung wutentbrannt das Hotel, entfernt sich von der Schneepiste und verirrt sich im Wald. Ausgerechnet zieht ein Schneesturm auf und bringt sie in Bedrängnis. Robert, der sein Haus in den Wäldern hat, wird durch das Bellen seiner Schlittenhunde auf sie aufmerksam und nimmt Emilia mit zu seiner Hütte. 

 

Das Unwetter zwingt sie dazu, die Nacht gemeinsam im Waldhaus zu verbringen. Emilia spürt, sie hat sich Hals über Kopf in den Mann verliebt und weiß nicht, wie sie ihm erklären soll, dass sie nicht alleine im Hotel ist. Sie ahnt nicht, dass Robert ihr etwas verschwiegen hat, das bald für eine peinliche Überraschung sorgen wird.



Leseprobe

Prolog - Die Anreise

Emilia starrte aus dem Wagenfenster, während das Taxi von Calgary in Richtung des kanadischen Skigebiets Banff fuhr. Warum hatte sie sich nur dazu überreden lassen, ihn zu begleiten? Er wird mich garantiert nur wieder provozieren, um mich fertigzumachen.

Ihr Blick wanderte zur Seite, wo ihr Freund Harold saß. Sie hätte sich denken können, dass diese Reise nach Kanada nur Stress bringen wird. Jedes Mal, sobald Harold im Stress war, sagte er unüberlegte und verletzende Dinge zu ihr, so wie gerade vorhin, als sie aus dem Flugzeug gestiegen waren, welches sie von Kalifornien nach Kanada gebracht hatte.

»Achte bitte darauf, morgen bei der Vorführung etwas Dunkles zu tragen. Du weißt, helle Kleidung ist bei deiner Figur unangebracht und lässt dich nur noch massiger erscheinen, als du ohnehin schon bist«, waren seine Worte.

Immerzu hatte er an ihr etwas auszusetzen oder machte dumme und verletzende Witze über sie. Warum war er überhaupt noch mit ihr zusammen, wenn er sich so für sie schämte? Sie wäre zu mollig, ihr strohiges Haar könnte dringend eine Pflegespülung vertragen, sie wäre zu klein und sollte deshalb stets hohe Schuhe tragen … Harold fiel immer etwas anderes an Emilia auf, was ihm nicht passte.

Emilia haderte bereits länger mit sich, dieser seltsamen Beziehung endlich ein Ende zu bereiten. Jetzt war der Punkt erreicht, an dem sie keine Lust mehr darauf hatte und mit ihrer Geduld am Ende war. Diese Beziehung hatte nie eine Chance und war daher auch nicht zu retten. Warum wollte er sie überhaupt auf diese Betriebsfeier mitnehmen, wenn sie ihm so peinlich war? Ach ja, er meinte, ein Mann mit einer Frau an seiner Seite würde einen besseren Eindruck machen, weil man ihn für seriöser und verantwortungsvoller halten würde, als wäre er ledig.

Die Stimmung war angespannt und seit 20 Minuten hatte sie kein einziges Wort mehr mit ihm gesprochen. Emilia hatte die Nase gestrichen voll und wollte es ihm jetzt endlich sagen, denn der Zeitpunkt schien ideal. Diese Beziehung hat keine Zukunft und hatte nie eine Zukunft, war ihr bereits lange bewusst. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, sich einen Büroleiter anzulachen, nur weil sie Angst hatte, keinen Freund mehr zu finden?

Dabei hatte vor zwei Jahren alles so romantisch angefangen. Emilia war Konditorin in der Bäckerei ihres Vaters. Eine Lieferung einer klumpigen Mehlmischung war der Auslöser, dass sie bei Watsonmix, dem Herstellerbetrieb für Backmischungen, anrief und sich über die Ware beschwerte. Der Abteilungsleiter Harold von Watsonmix kam höchstpersönlich in der Bäckerei vorbei, um das Problem in Augenschein zu nehmen.

Die Lieferung wurde ersetzt und Harold lud Emilia als kleine Wiedergutmachung zum Kaffee ein. Es war so romantisch, so unwirklich und ging alles so schnell. Harold gab sich seinerzeit als ein richtiger Gentleman und wusste Emilia gekonnt zu verführen.

Leider hatten seine Bemühungen, ihr zu gefallen, nach kurzer Zeit rapide nachgelassen. Man könnte fast sogar sagen, sie hatten sich ins Gegenteil verkehrt. Besonders als sie vier Monate vor dieser Reise nach Kanada bei ihrem Vater gekündigt hatte, weil sie sich nicht mehr mit ihm verstand. Harold hatte ihr diesbezüglich unendlich viele Vorhaltungen gemacht. Dazu kam noch sein Humor, in dem er sich gerne über sie lustig machte. Das konnte sie ebenfalls nicht ausstehen.

Inzwischen machte sie sich Vorwürfe, sich nicht für einen Mann entschieden zu haben, der aus ihrem Bildungsstand kommt. Sicher hätte sie mit einem Bäcker oder Konditor viel mehr Spaß gehabt als mit einem schnöden verklemmten Abteilungsleiter, der nur seine Karriere und seinen guten Ruf im Kopf hatte, ganz andere Interessen pflegte als sie und nur mit ihr zusammen war, um eine Freundin vorweisen zu können.

Emilia trug gerne Bluejeans, was sie aber nicht durfte, denn Harold verlangte immer, sie soll hübsche Kleidchen tragen, damit sie salonfähig beziehungsweise vorzeigbar aussieht. Dass sie sich darin verkleidet und nicht sich selbst fühlte, sondern eher wie ein Clown in einem Kostüm, das interessierte ihn nicht ein bisschen und das stand auch nicht zur Debatte.

Emilia war der Meinung, sie würden auch optisch gar nicht zusammenpassen. Harold war groß, hatte mittelbraunes, kurzes Haar und grüne Augen. Emilia war einen Kopf kleiner als er. Mit ihrer molligen Figur, ihrem roten Haar, ihren braunen Augen und ihrem sommersprossigen Gesicht, kam sie sich neben Harold wie ein Kobold vor, überhaupt wenn ihm die Frauen nachschauten. Vielleicht lag es auch daran, weil Harold ihr ständig das Gefühl gab, für ihn nicht hübsch genug zu sein. Dieses Verhältnis war sowieso nie eine richtige Beziehung gewesen. Zudem hatten sie seit Monaten keinen körperlichen Kontakt mehr gehabt und lebten eher wie in einer Wohngemeinschaft zusammen. Emilia war fest entschlossen. Das war nun das Ende der Beziehung. Die Vorführung wollte sie noch ihm zuliebe durchstehen und danach wollte sie aus seinem Strandhaus ausziehen und ihre eigenen Wege gehen.

Emilia holte tief Luft. »Ich wollte dir sagen …«

»Also«, unterbrach Harold und kniff gereizt die Lippen zusammen. »Mache jetzt bitte keine Szene, Emilia. Aber ich muss dir sagen, es hat keinen Wert mehr mit uns. Wir sind zu verschieden und von Liebe kann sowieso keine Rede sein«, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Wir hatten es miteinander versucht und es hat eben nicht geklappt. Es ist das Beste für uns beide, sonst machen wir uns nur gegenseitig fertig. Nach dieser Ausstellung geht jeder seine eigenen Wege.«

»Ich bin sehr froh darüber und fühle mich erleichtert«, gestand Emilia. »Ich werde keinesfalls eine Szene machen, denn zufällig wollte ich gerade mit dir Schluss machen.« Insgeheim ärgerte sie sich, ihm nicht zuvorgekommen zu sein.

»Versuche dich aber bitte, wie ein normaler Mensch zu verhalten, bis die Ausstellungsfeier vorbei ist und wir nach Kalifornien zurückkommen«, bat er sie. »Du weißt, für mich steht sehr viel auf dem Spiel, weil viele neue potenzielle Kunden eingeladen sind.«

»Ich weiß, da sollen viele Inhaber von Hotel-, Bäckerei- und Konditoreiketten eingeladen sein«, zeigte sich Emilia verständnisvoll. »Keine Sorge, ich werde dich nicht blamieren, auch wenn du das von mir erwartest. Ich werde deinen Geschäften bestimmt nicht im Wege stehen.«

»Ja, du kannst wohl Gedanken lesen«, machte er sich darüber lustig. »Zieh dich einfach gescheit an und zeige dich von deiner besten Seite. Sobald ich die Verträge in der Tasche habe, kannst du tun und lassen, was immer du willst.«

»Oh, das ist sehr großzügig von dir«, meinte sie ironisch.

Sie fuhren durch die kanadischen sattgrünen Fichtenwälder, die mit ihren Schneehauben aussahen, als wären sie mit Puderzucker bestäubt. Hinter den Wäldern ragten majestätisch, gewaltige Bergmassive empor, die oben schneeweiß und unten bläulich schimmerten. In der Ferne am Waldrand stand ein riesiges, ziegelrotes Sandsteingebäude, das mit seiner Außenbeleuchtung einem Märchenschloss ähnelte.

Harold zupfte seinen Hemdkragen und seine Krawatte zurecht. »Wir sind gleich da. Das ist unser Hotel.«

»Es ist atemberaubend schön«, schwärmte Emilia. »Es sieht fast aus wie ein Lebkuchenhaus.«

Harold schaute sie geringschätzig an. »Mit Lebkuchen kennst du dich ja bestens aus.«

Emilia wusste nicht, ob er damit auf ihren Beruf als Konditorin oder auf ihre rundliche Figur angespielt hatte. Egal. Nach diesem Urlaub war sowieso Schluss, aus und vorbei mit dieser ungleichen Beziehung, die sie schon lange hätte beenden sollen. Irgendwie fühlte sie sich auf einmal wohler und freier. Doch die Gedanken, was ihr die Zukunft nach dieser Reise bringen wird, waren ein wenig belastend, weil sie nach der Rückreise erst mal eine Arbeit und eine eigene Unterkunft finden musste.

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Kapitel 1 - Die Ankunft

Der Taxifahrer parkte den Wagen vor dem Hoteleingang. Zwei Hotelangestellte in rot-schwarzer Uniform kamen zum Auto und gegrüßten die Neuankömmlinge. Zwei weitere Angestellte kümmerten sich um das Gepäck. Emilia und Harold stapften durch den Schnee und folgten den Männern durch eine große Glastür in die Eingangshalle des Hotels. Sie liefen über den orange-rot geblümten Teppichboden zur Rezeption, die aus einem überdimensionalen, glänzenden Schreibtisch aus rotbraunem Holz bestand. 

»Herzlich willkommen im Springs-Hotel«, grüßte der junge blonde Mann mit Brille, der im adretten Anzug an der Rezeption stand. »Wie ist ihr werter Name?«

»Harold Peterson und Emilia Behrens«, erwiderte Harold.

Das war typisch Harold, dachte Emilia. Es war typisch für ihn, dass er sich stets zuerst nannte.

Der Rezeptionist gab einem der beiden Kofferträger den Schlüssel. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.«

»Vielen Dank«, bedankte sich Emilia und folgte Harold und den Hotelangestellten in den Fahrstuhl. Im dritten Stockwerk hielt der Aufzug an. Harold und Emilia folgten den beiden Männern durch den ebenfalls mit Teppichboden ausgestatteten Flur zu einer Zimmertür. 

Einer der Angestellten öffnete die Tür. »Ihre Suite.«

Sie blickten in ein geräumiges Zimmer mit einem beigefarbenen Hochflorteppich, einem Sessel, ein Sofa und zwei Betten.

»Stellen Sie das Gepäck vor die Couch«, forderte Harold die Kofferträger auf und speiste sie mit einem Trinkgeld ab. 

Er schloss die Zimmertür, streckte sich aus, gähnte und lief zum Fenster. »Der Ausblick ist wunderbar. Man schaut genau auf die Skipiste, da kann man nicht meckern.«

Emilia räumte gleich die Wäsche in die Schränke ein. »Ich schlafe wohl im anderen Bett heute Nacht. Es wäre höchst seltsam sich ein Bett zu teilen, nachdem man gerade die Beziehung beendet hat.«

Harold legte sein Jackett ab und hängte es über den Sessel. »Ja, es ist besser so. Danke für dein Verständnis. Es war echt leichter, die Beziehung zu beenden, als ich mir vorgestellt hatte.« 

»Das lag daran, weil ich innerlich längst die Beziehung beendet hatte«, glaubte Emilia. »Trotzdem wäre ich froh, die drei Tage wären schon vorbei. Schließlich muss ich mein Leben neu ordnen. Ich brauche eine Arbeit und eine neue Wohnung. Natürlich sitze ich jetzt auf glühenden Kohlen, bis das alles geregelt ist.«

»Das sehe ich genauso, aber du hältst das durch. Es hat ja keine Eile. Du kannst bei mir wohnen bleiben, bis du eine Arbeit und eine Wohnung gefunden hast, falls es nicht allzu lange dauert.«

»Danke, das ist sehr nett von dir«, sagte Emilia.

»So, wir nehmen erst einmal eine Dusche, danach gehen wir nach unten und schauen, was es zum Essen gibt«, erwiderte Harold und ging ins Badezimmer.

Emilia begutachtete die Suite und schaute aus dem Fenster auf die beleuchtete Skipiste, die förmlich zum Schlittenfahren einlud. Inzwischen durchflutete die Abenddämmerung den Himmel und die Landschaft mit einem zauberhaften, orangefarbenen Licht.

Emilia fand den Ausblick grandios und erinnerte sich an einen Kalender, den sie als Kind einmal gehabt hatte. Die Bilder sahen ähnlich aus und sie wünschte sich damals immer, eines Tages in eine solche Postkartenidylle zu reisen. Wären die Umstände mit Harold nicht gewesen, wäre es der perfekte Moment gewesen.

Das Geräusch der Badezimmertür riss sie wenig später aus ihren Gedanken. Als sie sich umdrehte, stand Harold nackt vor ihr, schaute an sich herunter und zwinkerte ihr zu. »So, ich habe geduscht. Hättest du Lust auf mich?«

 »Wie bitte?«, fragte Emilia irritiert. »Wir hatten seit Monaten keinen körperlichen Kontakt mehr gehabt. Außerdem haben wir gerade Schluss gemacht?!«

Harold runzelte die Stirn. »Natürlich haben wir Schluss gemacht. Aber was hat denn das Eine mit dem Anderen zu tun? Wir sind hier in einer schönen Umgebung und könnten noch ein letztes Mal …«

»Du spinnst wohl?«, empörte sich Emilia lautstark. »Bist du verrückt geworden?«

»Wenigstens solange wir hier sind und uns ein Zimmer teilen?«, drängte Harold weiter. »Ich verstehe dein Problem nicht?! Du bist alleine, ich bin alleine. Was spricht dagegen, nicht wenigstens …«

»Schluss ist Schluss. Zieh dich jetzt an, wir gehen essen«, fauchte Emilia und konnte nicht glauben, wie gefühllos dieser Mann war.

»Ich hoffe, du wirst es nicht eines Tages bereuen«, meinte Harold. »Wer weiß, ob du so einen Mann wie mich noch einmal im Leben bekommen wirst. Sobald ich eine neue Freundin habe, kann ich dir diese Chance nicht mehr bieten. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber solange ich in einer Beziehung bin, bleibe ich treu. Nur weil ich derzeit frei bin, kann ich dir diese Chance noch bieten.«

»Danke, dass du dich so um mich sorgst«, spottete Emilia. »Du findest dich wohl unwiderstehlich. Warum machst du es nicht einfach mit dir selbst vorm Spiegel?«

Harold lachte und fasste sich in den Schritt. »Gute Idee, du darfst mir gerne dabei behilflich sein.«

»Geh weg du Ekel«, fauchte sie, stieß ihn beiseite und ging ins Badezimmer.

Sie stellte sich unter die Dusche und ließ sich das wohltuend heiße Wasser über den Rücken prasseln. Dann seifte sie sich ein, schamponierte ihr Haar und wusch sich mit klarem Wasser ab. Vorsichtig stieg sie aus der Duschkabine, trocknete sich ab und schlüpfte in ihr dunkelblaues Kleid. Mit der Bürste und dem eingebauten Wandföhn frisierte sie ihr leuchtend rotes, schulterlanges Haar. Danach setzte sie noch einen schwarzen Kajal-Strich unter ihre braunen Augen und legte etwas Wimperntusche und Lippenstift auf.

Als sie aus dem Badezimmer kam, war Harold bereits angezogen. Kritisch musterte er sie.

»Und?«, fragte Emilia. »Wie sehe ich aus?«

»Wie immer. Es geht so.« Er grinste frech. »Ich habe schon Schlimmeres gesehen.«

Emilia regte sich darüber nicht mehr auf. Sie kannte Harolds spitze Bemerkungen nur zu gut.

Sie machten sich auf den Weg durchs Hotel und begutachteten die Einrichtung. Als sie an der Rezeption vorbeikamen, sahen sie eine junge Frau mit schulterlangen, schwarzen Haaren, die dem Rezeptionisten gerade eine Tasse Kaffee brachte und für sich selbst eine Tasse dabei hatte. Sie ließ sich bei dem Mann am Rezeptionsschalter nieder, trank gemeinsam mit ihm Kaffee und unterhielt sich mit ihm. Dabei kicherte die Dame und schaute oft verschämt und schüchtern zur Seite.

»Schau mal, die beiden himmeln sich an«, amüsierte sich Emilia. »Die sind so jung, so schüchtern und unschuldig, ist das nicht schön?«

»Ja und?« Harold zuckte mit den Schultern. »Du kannst ja mitmachen, wenn es dich erregt.«

»Du bist so unromantisch«, warf sie ihm vor.

»Besser unromantisch als gar keine Romanik«, scherzte er.

Sie schauten sich den gemeinschaftlichen Fernsehraum an und betraten danach das Hallenbad. Im Bad waren Fensterfronten, durch die man in die freie Natur blicken konnte. Schneebedeckte Bäume und Büsche dominierten das Landschaftsbild. Es sah einfach herrlich aus.

»Es ist echt schön hier. Wir könnten nachher schwimmen gehen«, schlug Emilia vor.

»Ist das jetzt echt dein ernst?«, fragte Harold mit erhobenen Augenbrauen und grinste schelmisch. »Schau dich doch mal an. Die Leute würden glauben, es sei ein Wal im Wasser.«

»Du bist echt gemein«, ärgerte sich Emilia. »Ich bin gar nicht so fett, wie du immer tust.«

»Mensch, bist du eine Kratzbürste«, klagte Harold. »Du verstehst kein bisschen Spaß.«

»Das ist für mich kein Spaß«, beschwerte sich Emilia. »Ich weiß nie, ob du Spaß machst, oder es wirklich ernst meinst. Außerdem finde ich solche Späße weit über der Grenze zur Geschmacklosigkeit.«

»Dann geh doch schwimmen«, forderte Harold sie auf. »Beklage dich aber nachher nicht, wenn die Leute mit dem Finger auf dich zeigen, oder du zumindest das Gefühl hast, dass sie das tun. Du beklagst dich doch ständig selbst über deine Figur. Ich bin zu fett; schau dir meinen Bauch an; meine Hose ist enger geworden; bla … bla … bla … Was erwartest du von mir? Dass ich dir jedes Mal widerspreche und dir sage, wie schlank du bist? Das kann ich nicht, denn es wäre schlichtweg gelogen. Denk mal drüber nach.«

Harold hatte zum Teil tatsächlich recht, musste sich Emilia eingestehen. Als sie sich anfangs über ihr eigenes Gewicht aufgeregt hatte, meinte Harold noch, es wäre nicht so schlimm und löste damit eine heftige Diskussion aus. Emilia konterte ständig. Nicht schlimm, ach ja? Sieh dir mal an, wie eng meine Hose sitzt … Irgendwann war Harold so genervt von ihr und gab ihr einfach Recht. Nicht zuletzt, weil er sich auch eine schlankere Frau gewünscht hätte. Anfangs fand er Emilia witzig und interessant, weshalb er sich mit ihr eingelassen hatte. Eigentlich war sie überhaupt nicht sein Typ und er dachte nicht, dass die Beziehung länger als ein paar Wochen überdauern würde. Später fand er Emilia nur noch nervig. Am liebsten hätte er sie mit Sack und Pack vor die Tür gesetzt. Das brachte er aber doch nicht übers Herz und so hoffte er, sie würde eines Tages von selber ausziehen. Um dies zu beschleunigen, hatte er sich diesen seltsamen Humor angeeignet. Endlich hatten seine Bemühungen Wirkung gezeigt und er hatte sein Ziel erreicht.

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Kapitel 2 - Hoffnungslos verirrt

 Nach dem Rundgang durchs Hotel nahmen Harold und Emilia den Fahrstuhl, um zum Abendessen nach unten zu fahren. Sie liefen durch die Eingangshalle, passierten den Korridor und betraten den belebten Speisesaal. 

»Wow«, entfuhr es Harold, als eine blonde Kellnerin auf ihn zukam.

»Guten Abend, die Herrschaften«, grüßte die Frau. »Ja, Sie haben recht, mein Herr. Unser Speisesaal ist wirklich beeindruckend.«

Harold zwinkerte der Dame zu. »Ja, der Speisesaal ist auch nicht schlecht.«

Die Kellnerin führte Emilia und Harold zu einem Tisch. »Ich komme, sobald Sie sich Ihr Menü ausgesucht haben.« Sie lächelte höflich und langte Harold dabei an die Schulter, als wäre Emilia unsichtbar.

»Ich nehme das, was Sie gerne essen, junge Dame«, meinte Harold und lächelte die Kellnerin verführerisch an.

Die Dame kicherte. »Geschmäcker sind sehr verschieden, guter Mann. Würde ich Ihnen das bringen, was ich gerne esse, wären Sie bestimmt enttäuscht.«

»Ich bin überzeugt, Sie könnten mich niemals enttäuschen, meine Teuerste«, flirtete Harold.

Die Frau kicherte erneut, legte die Speisekarten auf den Tisch und entfernte sich, wobei ihr Harolds lüsterne Blicke folgten.

Emilia ärgerte sich sehr über ihn. »Du bist wirklich unmöglich. Muss das sein? Kannst du mir gegenüber nicht ein kleines bisschen Anstand und Respekt zeigen?«

»Was meinst du?«, fragte er scheinheilig. »Was kann ich dazu, dass die Frau mich attraktiv findet? Du hast doch gesehen, wie sie auf mich reagiert hat?!«

»Du hast in meinem Beisein mit dieser Frau geflirtet«, beschwerte sich Emilia.

»Und wenn schon? Wir haben Schluss gemacht, falls du dich daran erinnern kannst«, antwortete schief grinsend. »Ich bin jetzt frei und kann tun und lassen, was ich will. Außerdem war die Dame sehr nett und … Ach, ich weiß auch nicht, warum ich das getan habe. Es war dumm von mir und es tut mir leid.«

»Du kannst wenigstens so anständig sein und nicht in meiner Anwesenheit flirten«, fauchte sie wütend.. »Würde ich mir das erlauben, würdest du garantiert ausflippen.«

»Mach dich doch nicht lächerlich und hör auf damit. Ich habe mich bereits entschuldigt« wehrte sich Harold. »Außerdem hätte ich nichts dagegen, wenn du flirten würdest. War ich jemals eifersüchtig? Du kannst flirten, soviel du willst, es macht mir gar nichts aus.« 

Emilia presste wütend die Lippen zusammen und hätte den Speisesaal am liebsten sofort verlassen. Ihr kam die spontane Idee, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen, nur damit er sehen konnte, wie es sich so kurz nach dem Ende der Beziehung anfühlte. Auffällig schaute sie sich um und entdeckte einen Hotelangestellten. Sie lächelte ihn an und zwinkerte ihm zu, was Harold nicht verborgen blieb.

Doch plötzlich kam der Angestellte an den Tisch. »Ja bitte, M’am? Sie haben mich gerufen?«

»Äh … nein?«, antwortete Emilia schockiert.

»Ich könnte schwören, Sie haben mir zugelächelt und ein Zeichen mit den Augen gegeben?!«, wunderte sich der Hotelangestellte.

»Ich … äh … ein Glas Wasser bitte«, stotterte Emilia verlegen. 

Als der Kellner weg war, brach Harold in schallendem Gelächter aus. »Das war wohl nichts. Du musst zugeben, das war echt witzig«, lachte er und schnappte nach Luft.

Emilia kniff wütend die Augen zusammen. »Du bist so ein Ekel«, knurrte sie, stand auf und lief mit großen Schritten davon.

»Emilia, warte!«, rief Harold ihr zu.

In Erwartung auf eine Entschuldigung blieb Emilia stehen. »Was willst du?«

»Mach keine so großen Schritte, wenn du ein Kleid trägst«, empfahl er. »Das sieht furchtbar aus. Wie oft soll ich dir das noch sagen? Sobald du dich abgeregt hast, komm doch bitte wieder.«

Das war zu viel. Wutentbrannt verließ sie den Speisesaal und lief nach oben ins Zimmer. Hurtig zog sie eine Bluejeans und einen weißen Strickpullover an. Sie schlüpfte in die knöchelhohen Schnürstiefel und in ihren roten Anorak.

»Ich muss hier raus«, brummte sie, rannte die Stufen hinab, durchquerte die Eingangshalle und lief hinaus ins Freie, wo ihr kalte, feuchte Luft entgegenschlug.

Wütend stapfte sie durch den knöchelhohen Schnee zur Skipiste, die mit leuchtenden Laternen umsäumt war, durch deren Lichtschein die Schneedecke gelblich schimmerte. Emilia konnte sich im Moment beim besten Willen nicht vorstellen, nur noch eine Nacht mit Harold in einem Raum zu verbringen. Sie hatte endgültig genug von seinen Beleidigungen und wollte nur noch weg von ihm, weit weg.

»Je weiter desto besser«, dachte sie und bog spontan von der belebten Piste in den dusteren Wald ab, damit sie den Skifahrern und Rodlern, welche die Bahn herunterrauschten, nicht in die Quere kommen konnte ...