Liebesroman

9. Schicksalhafte Begegnungen

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Beschreibung:

Nach dem Tod ihrer Mutter möchte Kayla Weston ein neues Leben in Kanada beginnen. Auf dem Weg zwischen Kansas und Kanada, den sie mit ihrem Wagen zurücklegen möchte, hat sie eine Autopanne. Ein hilfsbereiter Mann schleppt ihren Wagen in die nächste Werkstatt nach Wingshill ab. Weil es schon spät ist, muss Kayla in dem kleinen Ort übernachten.

 

In der Nacht beobachtet sie durch ihr Fenster ein sehr verwahrlostes Mädchen, das mutterseelenallein auf der Straße sitzt. Tags darauf will sie die Eltern des Kindes zur Rede stellen und findet fürchterliche Zustände vor. Sie streitet sich mit dem alleinerziehenden Onkel und nimmt das Mädchen kurzerhand mit. Von einem Wagen verfolgt, fährt sie in die Wälder, verirrt sich hoffnungslos und findet eine anscheinend unbewohnte Waldhütte.

 



Leseprobe

Prolog - Die Autopanne

Gewissermaßen war Kayla Weston gerade auf dem Weg in ein neues Leben. Mitte 20 sollte man eigentlich einen festen Freund oder wenigstens seinen Lebensweg einigermaßen geplant haben. Nicht so bei Kayla. Sie steuerte ihren Wagen über den, scheinbar nicht enden wollenden, Highway, der sich schnurgerade durch eine felsig karge Landschaft zog. Die junge Frau war auf dem Weg nach Kanada und erfüllte sich damit ihren größten Wunsch.

Durch das halb offene Fenster kam ein kalter Luftzug, der sie wach hielt und ihr Strähnen ihrer langen, braunen Haare ins Gesicht wehte. Es herrschte eine eisige Kälte und sie hoffte, nicht vom Schnee überrascht zu werden. Langsam bekam sie ein mulmiges Gefühl, da es schon sehr lange her war, als sie an der letzten Ortschaft vorbeigekommen war. Weiter als im Umkreis von vierzig Meilen rund um Roxbury in Kansas war sie bisher noch nie von zu Hause weg gewesen. Die Gegend war ihr völlig fremd und sie war sich unsicher, ob sie sich nicht komplett verfahren hatte.

Als ihre gemeinsame Mutter vor drei Monaten starb, erhoffte sich Kayla, endlich zum ersten Mal ihre Stiefschwester Rebecca Carter zu sehen, die ungefähr acht Jahre älter war als sie. Sie hatte ihr eine Einladung zur Beerdigung geschickt, doch Rebecca hatte sich nicht gemeldet, was Kayla ärgerte. Aber der Ärger über ihre Stiefschwester war mittlerweile verflogen.

»Dass sie nicht gekommen war, ist kein Wunder«, dachte Kayla. »Sie hat eine halbe Million Dollar geerbt und hatte sowieso bereits genug Geld von ihrem reichen Vater.«

Das Geld war Kayla egal, aber die Schwester hätte sie gerne einmal kennengelernt. Dass Rebecca alles erben würde, war vertraglich durch den Vater so festgeschrieben. »Sicher hatte Rebecca Mom nie verziehen, weder das Sorgerecht noch das Besuchsrecht für sie erwirkt zu haben«, sagte Kayla vor sich hin.

Als der Wagen plötzlich langsamer wurde, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Verunsichert schaute sie hinunter zum Gaspedal. Nein! Es war nicht ihr Fehler, sie stand nach wie vor auf dem Gas. Auf einmal waberte weißer Dampf aus der Kühlerhaube empor.

»Oh nein! Bitte nicht!« Kayla war entsetzt und versuchte verzweifelt, das Gaspedal weiter durchzutreten. Doch der Motor begann zu stottern und verstummte nach wenigen Sekunden gänzlich. Das Auto rollte noch einige Meter, bevor es am Straßenrand zum Stehen kam. Kayla fand sich mitten im Nirgendwo, denn so weit das Auge sehen konnte, nur Steine, Felsen, Sand und ab und zu mal ein paar Büsche. Verängstigt schaute sie gen Himmel, wo die Sonne allmählich mit dem Horizont verschmolz.

»Oh nein! Bald wird es dunkel und ich stehe mit einem defekten Wagen auf dem Highway«, dachte sie besorgt und stieg aus. 

Einfach weiterlaufen, wäre unklug. Das war ihr bewusst, denn sie konnte nicht abschätzen, wie weit es bis zur nächsten Siedlung sein könnte. So beschloss sie, an ihrem Wagen auszuharren und auf Hilfe zu warten. Nach ungefähr 30 Minuten setzte die Abenddämmerung ein und es war bisher noch kein einziges Fahrzeug vorbeigekommen. Mehrmals schaute Kayla in die Ferne, weil sie glaubte, einen Wagen gehört zu haben, was ein Trugschluss war. Wahrscheinlich war es nur Einbildung oder das Geräusch des Windes, der sich in den Felsen fing und den Sand aufwirbelte.

Gefühlte endlose 40 Minuten vergingen, bis sich endlich zwei Lichter näherten. Ein Motorengeräusch ertönte und bald erkannte Kayla einen Lastwagen. Sie versuchte sie, den Fahrer zu sehen, um ihn einschätzen zu können, bevor sie Handzeichen zum Anhalten geben wollte. Doch der Lastwagen hielt unaufgefordert neben ihr an. Ein älterer, grauhaariger Herr mit sonnengegerbtem Gesicht stieg aus und kam auf sie zu. »Kann ich Ihnen helfen, M’am?«

»Mein … Ich … Mein Wagen ist kaputt, ich glaube der Kühler ist geplatzt«, teilte Kayla dem Herrn verunsichert mit. »Während der Fahrt ist Dampf aus dem Motor aufgestiegen und kurz danach war der Motor ausgegangen.«

 »Ja, es könnte der Kühler sein. Dagegen kann ich leider nichts machen. Ich kann Sie aber gerne bis zum nächsten Ort abschleppen«, schlug der Mann vor. »Harry kann Ihnen den Schaden gewiss im Handumdrehen reparieren.«

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Kapitel 1 - Der Ort Wingshill

Dass eine Dame nie bei fremden Männern ins Auto steigen soll, war auch Kayla klar. Auf dem Lastwagen war die Aufschrift "Walters Tierfutter" zu lesen, was darauf schließen ließ, dass er ein Geschäftsmann war. Sein Antlitz wirkte nett und freundlich und zudem hatte Kayla keine andere Möglichkeit, wenn sie die kalte Nacht nicht im Auto auf dem Highway verbringen wollte.

»Mein Name ist übrigens Walter«, stellte sich der Mann vor. »Ich verkaufe Tierfutter und liefere gerade nach Wingshill aus. Dort hat Harry seine Autowerkstatt.«

»Ja, danke, gerne. Es wäre sehr nett, wenn Sie mich und mein Auto dahinbringen könnten«, nahm Kayla das Angebot an.

»Um nach Wingshill zu kommen, müssen wir nachher den Highway verlassen«, klärte der Herr auf. »Wingshill liegt etwa vier Meilen abseits des Highways. Nur damit sie es wissen und nachher keine Panik bekommen.«

Mit geübten Handgriffen hing der Wagen bald am Abschleppseil und die Fahrt ging los. Kaylas Wagen wurde von dem Lastwagen rasant über den Highway gezogen, während sie hinter dem Steuer saß und lenkte. Genau, wie Walter es angekündigt hatte, bogen sie nach einigen Meilen ab und fuhren vier Meilen durch eine karge Gegend, die in zunehmender Dunkelheit immer undeutlicher wurde. 

Inzwischen war es stockfinster und Kayla hatte ein mulmiges Gefühl und überlegte sich schon, wie sie der Situation entkommen könnte, falls Werner hätte, sie zu verschleppen. Doch bald erkannte sie zu ihrer Erleichterung in der Ferne die Lichter einer Ortschaft, die sie nur kurz darauf passierten. Kaylas Blick schweifte über einige alte Häuser und die unebenen Straßen, die nur spärlich mit Straßenlaternen beleuchtet waren. Minuten später hielten sie an einer kleinen Tankstelle an und Kayla stieg aus.

Walter stieg ebenfalls aus. »Harry?«, schrie er laut, worauf Kayla vor Schreck zusammenfuhr. 

»Ich bin hier drüben«, rief eine krächzende Männerstimme.

Kayla folgte Walter um das Gebäude herum zur Garage, die sich im Hinterhof befand. Ein weißhaariger Mann, etwa Mitte 50, mit einem blauen Arbeitsoverall und ölverschmierten Händen stand gerade an einem Regal und räumte Maschinenteile ein. »Ich bin gerade am Sortieren«, sagte er und drehte sich um.

»Guten Abend, Mister«, grüßte Kayla und versuchte zu lächeln.

Der Mann schaute an sich herab. »Oh, tut mir leid, M’am. Aber wir bekommen hier nicht oft Besuch von außerhalb. Hätte ich gewusst, dass Sie kommen, hätte ich mich vorher umgezogen.«

»Du siehst gut genug aus?«, scherzte Walter. »Kannst du dich bitte um den Wagen der Dame kümmern? Ich habe sie einsam und verlassen auf dem Highway gefunden. Anscheinend hat ihr Wagen einen Kühlerschaden.«

 »Okay. Ich werde den Schaden gleich begutachten«, willigte Harry ein. »Aber heute kann ich das nicht mehr reparieren. Frühestens morgen Vormittag wird der Wagen wieder fahrtüchtig sein.«

Walter nickte. »Okay. Ich mache mich auf den Weg, weil ich noch eine Lieferung abladen muss. Sei so nett und zeige der Dame, wo sie hier übernachten kann, Harry. Ja?«

 »Ja, mach ich, Walter«, versprach Harry.

Kayla folgte Walter zu seinem Lastwagen. »Moment noch, bitte. Vielen Dank für Ihre Hilfe«, rief sie und hielt ihm einige Dollarscheine entgegen.

»Ach was, M’am. Das ist in Ordnung. Sie müssen mir kein Geld geben«, lehnte er ab, stieg in seinen Lastwagen ein und fuhr davon.

Harry kam nach draußen und winkte Kayla zu sich. »Kommen Sie bitte, M'am!«

Mit dem Finger zeigte er die Straße entlang. »Da vorne an dem gelben Haus gehen sie rechts die Straße rein. Dort gibt es eine kleine Pension. Die alte Miss Douglas wird sich freuen, endlich mal wieder einen Gast beherbergen zu dürfen. Morgen früh, so gegen 10 Uhr, sollte ihr Wagen fertig sein, dann können Sie ihn abholen.«

Kayla reichte Harry dankbar die Hand. »Vielen Dank, Mister Harry. Ich werde um 10 Uhr hier sein.«

 »Keine Ursache, Lady!«

Kayla lief die dunkle Straße entlang bis zu dem gelblichen Haus, vor dem als Einziges eine flackernde Straßenlaterne stand. Wie beschrieben, ging sie rechts die dunkle Gasse hinein und entdeckte ein altes, verschmutztes Leuchtreklameschild mit der Aufschrift "Pension Douglas".

 

 

Kapitel 2 - Die Pension

Kritisch betrachtete Kayla das Haus. »Das ist ja eine richtige Bruchbude.«

Wahrlich hatte sie recht. Von der Fassade bröckelte der Verputz ab und da, wo normalerweise die Glasscheibe der Eingangstür sein sollte, befand sich eine Sperrholzplatte, die notdürftig mit Klebeband befestigt war. Kayla ging hinein, worauf ihr ein modriger Geruch entgegenkam. Die gemusterten Tapeten hatten ein schmutziges Weiß und die Bodenfliesen waren abgeplatzt und wiesen schmutzige Fugen auf. Angewidert behielt Kayla ihren Koffer in der Hand und wollte ihn auf gar keinen Fall auf diesem Fußboden abstellen. Vorne stand eine alte Kommode, die als Empfangsschalter diente, was die rostige Glocke darauf und das Schlüsselbrett dahinter vermuten ließ. Angeekelt zog sie ihren Ärmel über die Hand, um die Glocke zu läuten.

Nachdem sie der Glocke einen blechernen Ton entlocken konnte, wartete sie. Am liebsten wäre sie sofort gegangen. Aber wo sollte sie in dieser eisigen Nacht schlafen? Außerdem hatte sie Hunger und war müde von der weiten Reise und den aufregenden Ereignissen, die den Tag so unglücklich enden ließen.

Endlich kam eine ältere, kleine Frau mit weißem Haar aus dem Nebenzimmer. Ihr faltiges, lächelndes Gesicht und ihre strahlend blauen Augen lösten in Kayla ein gutes Gefühl aus, worauf sie sich sofort willkommen fühlte. »Guten Abend, junge Frau«, grüßte die alte Dame mit kraftvoller Stimme.

»Guten Abend, Miss Douglas«, erwiderte Kayla die Begrüßung. »Mein Auto befindet sich in Harrys Werkstatt und wird erst morgen früh repariert sein. Deshalb hätte ich gerne für heute Nacht ein Zimmer, und falls es möglich ist, hätte ich gerne ein Essen.«

»Sie bekommen unser schönstes Zimmer im Haus«, versicherte Miss Douglas und griff nach einem Schlüssel am Brett.

 »Vielen Dank, Miss Douglas. Ich fühle mich geehrt«, freute sich Kayla.

»Leider habe ich keinen Speiseraum, weil Essen hier nicht üblich ist. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen Ihr Essen in etwa dreißig Minuten auf Ihr Zimmer bringen. Wäre das in Ordnung«, erkundigte sich die Dame.

»Gewiss doch.« Kayla war froh, überhaupt eine Mahlzeit und ein Bett zu bekommen. Sie folgte der alten Dame auf das Zimmer, dessen Zustand nicht besser als im Rest des Hauses war. Auch hier zierten vergilbte Tapeten die Wände und die Fenster waren dermaßen schmutzig, dass man kaum nach draußen schauen konnte. Aber es gab ein kuscheliges Bett und es war schön warm. Das war wahrhaftig viel Wert bei dieser Kälte.

Mitleidig sah Kayla er Dame nach, als diese schweren Ganges das Zimmer verließ. Als sie bemerkte, wie schwer sie sich mit dem Laufen tat, hatte sie Verständnis für den Zustand des Hauses. Das Bett schien sauber und frisch zu sein, womit Kayla mit der Situation klarkam. Kayla fiel ein, dass Miss Douglas sie gar nicht danach gefragt hatte, was sie überhaupt essen möchte. So wartete sie gespannt ab, bis die alte Dame wenig später mit dem Essen aufs Zimmer kam. Ganz egal, was es war, es duftete herrlich und ließ Kayla das Wasser im Munde zusammenlaufen. 

»Rotkohl, Kotelett und selbst gemachtes Kartoffelpüree«, verkündete Miss Douglas stolz, als sie die Haube vom Teller nahm und Kayla das köstlich angerichtete Menü zeigte.

»Vielen Dank, Miss Douglas«, freute sich Kayla und war angenehm überrascht, wie schön und appetitlich die Speisen auf dem Teller drapiert waren.

»Bitteschön, Miss Weston. Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit und eine gute Nacht. Sollten Sie mich brauchen, ich bin bis 1 Uhr nachts immer wach. Läuten Sie einfach die Glocke am Empfangsschalter.«

»Dankeschön, Miss Douglas. Ich denke, ich habe alles, was ich brauche und werde gleich nach dem Essen schlafen gehen. Gute Nacht«, verabschiedete Kayla die Frau, die anschließend das Zimmer verließ.

Kayla ließ es sich schmecken. Sie hätte schwören können, dies sei ihr bestes Essen, was sie je in ihrem Leben gegessen hatte, obwohl sie selbst sehr gut kochen konnte. Schließlich hatte sie Übung darin, weil sie immer für sich und ihre kranke, bettlägerige Mutter gekocht hatte. Die Mutter war drei Jahre lang ans Bett gefesselt und ihr Tod war letztendlich, so grausam es klingen mag, eine Erlösung. Ihr ganzes Geld, das sie damals bei der Scheidung von Mister Carter bekommen hatte, konnte ihr nicht helfen, gesund zu werden. Das Geld hatte sie sozusagen als Entschädigung für ihre Tochter Rebecca bekommen, die ihr abgenommen wurde. Weil Kaylas Mutter damals wusste, wie gut es ihre Tochter bei dem reichen Vater haben kann, entschied sie sich dazu, wie vom Vater und dessen neuer Frau verlangt, den Kontakt völlig abzubrechen. Diese Rebecca Carter sollte nun nach Miss Westons Tod das Geld der Mutter erben und Kayla ging leer aus.

»Es macht mir nichts aus, aber irgendwie ist es ungerecht«, dachte Kayla.

Nachdem sie aufgegessen hatte, ging sie duschen und danach zog sie ihr Nachthemd an. Sie ging zum Fenster, um den Vorhang zuziehen, als sie im Dunkeln auf der Straße eine kleine Gestalt erblickte. Vorsichtig zog sie den Vorhang zu und ließ ihn einen Spalt weit offen, um hinauszuspähen.

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Kapitel 3 - Eine seltsame Beobachtung

Die Person bewegte sich in die Nähe des gelblichen Hauses, an dem die flackernde Straßenlaterne stand. »Das gibt es doch nicht«, erschrak Kayla, als sie ein kleines Mädchen unter der Laterne erkannte, das sich in der eisigen Nacht da draußen aufhielt.

Schnell kramte sie aus ihrem Koffer den Wecker hervor. »Es ist 23 Uhr. Warum ist die Kleine nicht in ihrem Bett, wo sie hingehört?« Mit Sorge beobachtete sie weiter die dunkle Straße, um vielleicht die Eltern des Mädchens noch entdecken zu können. Vergeblich. Das Mädchen schien alleine zu sein.

»Was kann wohl vorgefallen sein, was dieses kleine Kind alleine in der Nacht auf die Straße getrieben hat?«, ging Kayla durch den Kopf.

 Dann konnte sie beobachten, wie das Kind in das gelbliche Haus hineinging, und das Licht hinter einem der Fenster anging. Als sich auf der Straße eine Weile nichts mehr tat, spürte Kayla die Müdigkeit in sich aufsteigen, worauf ihre Augenlider schwer wurden. Schließlich zog sie den Vorhang zu, legte sie sich ins Bett und schlief ein.

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Kayla erwachte am nächsten Morgen und schaute auf den Wecker. »Oje, es ist schon 10 Uhr. Ich muss mein Auto holen und mich auf den Weg machen.«

Der Raum war erfüllt mit einem herrlich frischen Kaffeeduft. Kayla ging ins Badezimmer, und als sie nach kurzer Zeit herauskam, klopfte es an ihre Zimmertür.

Guten Morgen, Miss Douglas«, rief Kayla schuldbewusst. »Ich bin gleich weg. Es tut mir leid, ich weiß, ich hätte das Zimmer bis 9 Uhr verlassen müssen. Sie können ruhig hereinkommen.«

Die Tür öffnete sich und Miss Douglas kam lächelnd herein. In den Händen hielt sie ein Tablett, auf welchem ein Kännchen Kaffee, ein Körbchen mit zwei knusprig braunen Brötchen und ein Teller mit Wurst, Käse und kleine Marmeladen-Döschen standen. »Keine Eile, Kind«, beschwichtigte die Frau. »Ich nehme das mit der Abreisezeit nicht so genau. Ich bin froh, mal einen Gast zu haben. Leider verirren sich nicht viele Leute hierher. Hier ist Ihr Frühstück, das geht aufs Haus.«

»Das ist aber lieb von Ihnen, Miss Douglas«, freute sich Kayla. »Übrigens, das Essen gestern Abend war fantastisch. Vielen Dank.«

Miss Douglas bekam feuchte Augen. »Mein Essen hat schon lange niemand mehr gelobt. Das liegt vielleicht daran, weil ich schon lange keine Gäste mehr hatte.«

»Natürlich liegt es daran. Ich bin mir absolut sicher, so gut, wie Sie kochen«, lobte Kayla.

Kayla genoss das Frühstück und verließ danach die Pension. Es fiel ihr schwer, sich von Miss Douglas zu verabschieden. Irgendwie tat ihr die alte Frau leid und war ihr sehr ans Herz gewachsen. Hätte sie das nötige Geld gehabt, um der Frau zu helfen, indem sie eventuell die Pension renovieren ließe, hätte sie das sofort getan.

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Kapitel 4 - Die Entführung

Kayla lief durch die Straße in Richtung Harrys Werkstatt und kam zu dem gelblichen Haus. Bei Tageslicht wirkte es nicht weniger verkommen als in der Nacht. Als sie sich näherte, kam das Mädchen aus der Haustür und setzte sich auf den Gehweg. Kayla lief auf sie zu, und als sie näherkam, stockte ihr der Atem.

Die Kleine war etwa sechs Jahre jung, hatte blaue Augen und braunes, ungepflegtes, verfilztes, schulterlanges Haar. Ihr Gesicht war voller Schmutzflecken, ihr Kleidchen war zerrissen und mit Löchern übersät, durch die man ihre nackte Haut sehen konnte. Ebenso nackt waren ihre Beine, ihre Ärmchen und ihre Füßchen, und das bei dieser Kälte. Das Mädchen saß auf dem schmutzigen Gehweg vor dem Haus und spielte mit leeren Bierflaschen. Ihre Miene wirkte unendlich traurig, und als es anfing, zu husten, trieb es Kayla die Tränen in die Augen.

»Bist du traurig?«, sprach das Mädchen Kayla an und machte dabei ein besorgtes Gesicht.

Kayla rang sich ein Lächeln ab. »Nein, meine Kleine. Bist du denn traurig?«

 »Ja, ein bisschen!«, antwortete das Mädchen.

»Warum bist du traurig?«, wollte Kayla wissen.

»Mein Onkel mag mich nicht und ich muss immer raus zum Spielen!«, klagte das Kind. »Mir ist echt kalt.«

Kayla runzelte die Stirn. »Du hast einen bösen Onkel. Was sagen deine Mom und dein Dad dazu?«

»Ich habe keine Mom und keinen Dad«, antwortete die Kleine. »Onkel Sam ist der Einzige, der sich um mich kümmert.«

Kayla spürte Wut in sich aufsteigen. Ohne zu zögern, schritt sie durch die Haustür und wollte diesen Onkel zur Rede stellen. Direkt von der Eingangstür gelangte sie in ein Wohnzimmer, worauf es ihr eiskalt den Rücken herunter lief.

Ein sehr ungepflegter Mann, etwa 30, lag auf einem schmutzigen Sofa. Der Mann trug eine zerschlissene Jogginghose und ein braunes Unterhemd, das scheinbar einmal gelb gewesen war. Der Tisch war voller Zigarettenkippen, Asche und leeren Bierflaschen. Überall, auf Couch, Tisch und Fußboden, waren Flecken von Erbrochenem und der stechende Gestank war fürchterlich.

Schielend schaute der Mann Kayla an. »Wer bist du und was willst du in meinem Haus, du dumme Schlampe?«, schrie er sofort los.

»Warum kümmerst du dich nicht um deine Nichte, du Mistkerl?«, schrie Kayla ihn an und erkannte sich in diesem Moment selbst nicht mehr.

Der Mann lachte ironisch. »Kümmer du dich doch um sie! Hau ab, bevor ich aufstehe und dir …!« Er hustete, drehte sich um und schlief weiter.

Das Mädchen war Kayla gefolgt und hatte alles mit angehört. »Wirst du es machen?«

»Was soll ich machen?«, wunderte sich Kayla. »Abhauen?«

»Nein, dich um mich kümmern, wie es mein Onkel gesagt hat! Bitte!«, flehte das Mädchen Kayla an.

Kayla sah die großen unschuldigen Kinderaugen und verspürte einen Schmerz. »Dein Onkel ist betrunken und redet wirres Zeug. Ich kann dich nicht einfach mitnehmen. So einfach ist das leider nicht. Aber ich werde nachher noch einmal vorbeikommen«, versprach Kayla in der Absicht, dem Mädchen etwas Süßes von der Tankstelle mitzubringen.

»Okay. Bis nachher«, rief das Mädchen erfreut.

Kayla machte sich auf den Weg zu Harrys Werkstatt. Noch immer konnte sie nicht klar denken. Zu sehr hatte sie das getroffen, zu sehr hatte es sie berührt. Wie versprochen, hatte Harry das Auto inzwischen repariert. Nachdem Kayla noch eine Tafel Schokolade für das Mädchen gekauft hatte, stieg sie in ihren Wagen und machte sich auf den Weg. Einige hundert Meter weiter, hielt sie neben dem Kind an, öffnete die Autotür und hielt ihr die Schokolade entgegen. »Für dich, meine Kleine«, bot sie ihr die Schokolade an. »Ich bin übrigens Kayla.«

»Ich darf von niemand etwas annehmen. Onkel Sam hat es mir verboten«, lehnte die Kleine ab. »Er kann sehr böse werden.«

»Dein Onkel schläft, du kannst ruhig zugreifen«, erlaubte Kayla.

Das Kind umarmte sie, als hätte sie ihr gerade ein Pferd oder ein neues Fahrrad gekauft. »Vielen vielen Dank, Kayla. Ich bin Isa«, sagte sie, nahm die Schokoladentafel entgegen und begann erneut zu husten.

Kayla starrte sie an, alles um sie herum schien zu verschwinden, alles drehte sich. »Steig ein!«, rief sie. »Steig bitte ins Auto ein, Isa!«

Isas Augen wurden groß. »Echt? Wirklich jetzt?«

Kayla nickte. »Ja, wirklich. Steig ein, ich nehme dich mit!«

Isa öffnete sofort die Hintertür des Wagens und stieg ein. Kayla fuhr los.

Eine Weile saß das Mädchen ruhig auf der Rückbank und naschte die Schokolade. »Danke, die Schokolade schmeckt köstlich und hier ist es so wunderschön warm.«

Kayla drehte die Heizung noch ein Stück auf. »Hinten liegt eine Decke, falls du dich zudecken möchtest.«

Sie erhielt keine Antwort, schaute nach hinten und bemerkte, dass Isa eingeschlafen war.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt führte die Straße in einen Wald. Isa schlief immer noch tief und fest. Das Mädchen hatte zu Kayla vollstes Vertrauen, obwohl sie ihr fremd war. Sie fühlte sich geborgen und wusste, schlimmer als es bei ihrem Onkel gewesen war, konnte es nicht mehr werden.

Kayla war unter Schock. Sie hatte keine Ahnung, wie es nach ihrer Kurzschlussreaktion weitergehen sollte. Isa sollte erst mal nur weit weg von diesem furchtbaren Onkel und in ihrer schützenden Obhut bleiben. Im Rückspiegel bemerkte sie plötzlich ein Auto, das sich näherte und auffällig dicht auffuhr.