Liebesroman

5. Unverhofftes Liebesglück

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Beschreibung:

 

Schuhverkäuferin Abigail ist seit Jahren arbeitslos und findet keinen Job. Ihre private Arbeitslosenversicherung bezahlt nur noch für einen Monat und danach ist Schluss. Abigails letzte Hoffnung ist die alte Hütte, die sie von Onkel George drei Jahre zuvor geerbt, aber bisher nie gesehen hatte. Sie plant, diese zu vermieten, um mit dem Geld über die Runden zu kommen, bis sie endlich eine Arbeit gefunden hat. 

Motiviert setzt sie sich in den Zug und fährt nach Canmore, um die Hütte in Augenschein zu nehmen. Als sie dort ankommt, ist sie bitter enttäuscht. Die Hütte ist unbewohnbar und ihr Geld reicht nicht einmal mehr für die Rückfahrt. Gezwungenermaßen beschließt sie, in der Baracke zu übernachten und ahnt nicht im Geringsten, dass diese Nacht ihr ganzes Leben verändern wird.

 

Daten:

Format: eBook

Seiten: 98

Auflage: 2

Datum: 01.12.2018

Autorin: Heike Noll

Schauplatz: Kanada

 

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Preis:

2,99 €



Leseprobe

Prolog - Die letzte Hoffnung

Abigail verfolgte den Aufruf in Montanas lokalem Nachrichtensender. Als sie das Bild des vermissten Mädchens Harriet und die weinende Frau bereits zum zehnten Mal in dieser Woche in den Nachrichten sah, brach es ihr erneut fast das Herz. Die Frau schluchzte, der Vater hätte mit höchster Wahrscheinlichkeit ihr Kind entführt, weil er und die siebenjährige Tochter seit mehreren Wochen spurlos verschwunden waren. Daher bat sie über den Fernsehsender, der Vater solle sich bei ihr melden.

Abigail schaltete den Fernseher aus und versuchte, sich wieder auf ihre eigenen Probleme zu konzentrieren, die sie unweigerlich zu dieser Zeit hatte. Die gelernte Schuhverkäuferin war nämlich seit mehr als zwei Jahren arbeitslos und hatte bisher unzählige Bewerbungen geschrieben, ohne Erfolg. Langsam wurde das Geld knapp, weil die private Arbeitslosenversicherung bald abgelaufen war.

Ihre ganze Hoffnung legte sie in die Berghütte, die sie von ihrem Onkel drei Jahre zuvor geerbt hatte. Sie war nicht ein einziges Mal dort gewesen, weil sie es bisher nicht als notwenig erachtete. Denn zu dieser Zeit hatte sie einen Job und konnte sich damit finanziell gut über Wasser halten.

Onkel George kannte sie auch nur, weil er sie damals dreimal im Kinderheim der Kleinstadt Kalispell besucht hatte. George war der Bruder ihrer verstorbenen Mutter. Väterlicherseits kannte Abigail niemanden, weil die Beziehung ihrer Eltern, während ihre Mutter damals mit ihr schwanger war, in die Brüche ging. Vermutlich berührte sie gerade deshalb der Aufruf der weinenden Mutter des vermissten Mädchens so sehr.

Seit Abigail damals aus dem Kinderheim in den Ort Whitefish zog, meldete sich George gar nicht mehr bei ihr. Erst nach seinem Tode nahm sein Anwalt Kontakt mit ihr auf und übergab ihr die Besitzurkunde der Berghütte. Das war jetzt drei Jahre her.

Nun war es Donnerstagabend und Abigail nahm sich vor, am morgigen Tag knapp dreihundert Meilen in das kanadische Bergdorf Canmore zu fahren, um diese Hütte in Augenschein zu nehmen. Falls die Hütte in der Nähe eines beliebten Urlaubsortes liegen würde und gut erhalten wäre, könnten sich eventuell ihre finanziellen Probleme in Luft auflösen?! Ihre Hoffnung darauf war zwar sehr gering, aber dennoch wagte sie, zu hoffen.

In ihrer derzeitigen Einzimmer-Kellerwohnung war es feucht und kühl. Vom Wohnzimmerfenster blickte sie direkt auf die Straße, wo sie nur die Reifen der vorbeifahrenden Autos und die Beine der Fußgänger sehen konnte. Bei Regen musste sie immer die Rollläden schließen, dass das Spritzwasser nicht die Fensterscheiben verschmutzt. Eine bessere Unterkunft konnte sie sich für momentan 250 Dollar im Monat leider nicht leisten.

»Wie viel schlimmer kann es schon in dieser Berghütte sein?«, versuchte sie sich zu ermutigen.

Die Hütte war ihre einzige Hoffnung, weil sie zwei Tage zuvor einen Brief ihrer privaten Arbeitslosenversicherung erhalten hatte. Darin stand, sie hätte nur noch Anspruch auf eine einzige Zahlung, die am Monatsende erfolgen sollte. Abigail hätte danach keinerlei Einkünfte mehr und könnte sich weder Essen noch ein Dach über dem Kopf leisten. Seit mehr als zwei Jahren hoffte sie, eine neue Anstellung als Schuhverkäuferin zu finden, was ihr aber nicht gelingen wollte. Die Hütte von Onkel George war jetzt ihre einzige Möglichkeit, um nicht letzten Endes auf der Straße zu landen. Hätte sie sich doch nur früher darum gekümmert?! Nein! Sie hoffte bis zum Schluss, einen Job zu bekommen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Motiviert packte sie ihre wenigen Sachen in Plastiktüten ein und stellte diese an der Wohnungstür zur Abreise bereit. Anschließend zog sie ihr Nachthemd an und legte sich auf die Klappcouch. Diese diente ihr seit mehr als zwei Jahren als Bett. Sie drehte sich um und versuchte, zu schlafen. Der Autoverkehr schien viel lauter zu sein als sonst. Hinzu kamen die Bewohner der Etage über ihr, die in dieser Nacht sehr viel Lärm verursachten. Sie trampelten herum, als würden sie durch die Decke brechen wollen. Abigail wälzte sich viele Male hin und her und konnte nicht einschlafen.

Ihre Gedanken kreisten und ließen ihr keine Ruhe. Würde sie verschlafen und den Zug nach Calgary verpassen, wie würde es weitergehen? Oder was wäre, falls man die Hütte abreißen müsste, weil sie unbewohnbar ist? 

Je mehr sie darüber nachdachte, desto nervöser wurde sie und desto weniger fand sie den Schlaf.

Bald wurde es hell und Abigail hatte das Gefühl, keine Minute geschlafen zu haben. Sie zog sich an, nahm ihr Gepäck und lief zum Zugbahnhof, wo sie eine Stunde zu früh am Gleis acht ankam. Sie beobachtete die wenigen Menschen, die sich verschlafen und mürrisch auf den Bahnsteigen tummelten. Die Kälte durchdrang ihre Jacke. Ihre Füße waren eisig und ihre Hände schmerzten vor Kälte.

Endlich fuhr der Zug am Bahnsteig ein. Abigail stieg ein, stellte ihre Tüten unter die rote Polsterbank und nahm Platz. Sie genoss die aufsteigende Wärme der Zugheizung, lehnte sich in den Sitz zurück und stützte ihren Ellenbogen auf den Fensterrand. Wenig später startete der Zug in Richtung Calgary. Durch das sanfte Rauschen der Räder auf den Schienen und durch die warme Heizungsluft spürte sie eine wohlige Müdigkeit in sich aufsteigen und nach wenigen Minuten schlief sie ein.

Nach einem erholsamen Schlaf erwachte sie und erschrak, als sie durch das Zugfenster in die Dunkelheit blickte. »Oh nein! Wie lange habe ich geschlafen und wo bin ich?« Sie sah nur im Spiegelbild der Scheibe ihr braunes, zerzaustes, kurzes Haar und ihre vor Scheck weit aufgerissenen, braunen Augen. Als der Zug aus einem Tunnel herausfuhr, war sie erleichtert. Sie entspannte sich wieder und lenkte ihre Gedanken zu der Hütte.

»Ich habe keinen Schlüssel bekommen«, fiel ihr ein.

 Mit einem unbehaglichen Gefühl stellte sie sich vor, wie sie vor der verschlossenen Tür stehen, und an die verriegelten Klappläden klopfen würde.

Als der Zug in Calgary einfuhr, wurde sie aus den Gedanken gerissen. Hurtig nahm sie ihre Tüten und stieg aus. Verloren stand sie an den Gleisen und versuchte sich zu orientieren. »Wohin muss ich gehen?«

»Wohin möchten Sie denn?«, erkundigte sich eine ältere Dame, die plötzlich neben ihr stand.

»Ich möchte nach Canmore. Das ist ein kleines Bergdorf irgendwo in Alberta. Haben Sie schon davon gehört?«

Die Frau lachte. »Ein kleines Bergdorf? Canmore ist eine sehr bekannte Stadt mit über 12.000 Einwohnern.«

»Ach ja?«, war Abigail angenehm überrascht. »In dem Fall können Sie mir bestimmt sagen, wie ich dort hinkomme?!«

Die Frau nickte und zeigte zu der Haltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. »Nehmen Sie einfach den Bus in Richtung Banff. Der fährt jede volle Stunde und wird sie direkt nach Canmore bringen.«

»Vielen Dank«, verabschiedete sich Abigail, nahm ihre Tüten und überquerte die Straße.

Nach wenigen Minuten kam der Bus. Abigail stieg ein, löste ihr Fahrticket und machte es sich auf einem Sitz bequem.

 ♥♥♥

 

 

Kapitel 1 - Eine bittere Enttäuschung

In den nächsten 90 Minuten beobachtete Abigail durchs Busfenster die Landschaft. Bald sah sie in der Ferne das schneebedeckte Gebirge und eine Weile später hielt der Bus in Canmore an.

Abigail nahm ihre Plastiktüten, stieg aus und schaute sich um. »Jetzt bin ich in der Fremde, ganz auf mich alleine gestellt.«

Die Straßen waren breit und die Häuser standen großzügig weit auseinander. Die Stadt schien von Touristen durchwachsen. Denn mehrere Menschengruppen, die mit Rucksäcken bepackt und Fotoapparaten ausgestattet waren, liefen durch die Straßen. Sie bewunderten und fotografierten die Gebäude. Abigail entdeckte einen kleinen Zeitschriftenladen und ging hinein.

»Guten Tag«, grüßte die junge Frau hinter der gläsernen Verkaufstheke, die mit Zeitschriften gefüllt war.

»Guten Tag«, grüßte Abigail. »Kennen Sie sich zufällig hier aus?«

Die Frau schaute Abigail verdutzt an. »Selbstverständlich, ich lebe in Canmore, seit ich denken kann.«

»Natürlich, es tut mir leid«, entschuldigte sich Abigail. »Ich wollte Sie eigentlich fragen, ob sie wissen, wo ich die Hütte von meinem Onkel Mister Gable finden kann?!«

»George Gable nehme ich an«, vergewisserte sich die Dame.

Abigail nickte. »Ja, George Gable.«

Die Verkäuferin warf Abigail einen mitleidigen Blick zu. »Naja, "Hütte" ist wohl eher übertrieben. Als George damals von uns gegangen ist, konnte man förmlich zusehen, wie sein Holzhaus in seine Bestandteile zerfällt. Leider hatte sich niemand um den Nachlass gekümmert.«

Abigail musste schlucken. Sie spürte, wie ihr letzter Funke Hoffnung schwand und ihre Energie mitnahm. Von einer Sekunde auf die nächste fühlte sie sich plötzlich schwach und verloren.

»Die Hütte liegt am Berghang an der Aspen Glen Road. Das kann ich Ihnen nicht erklären, weil Sie es nie finden würden.«

Abigail blickte die Frau ratlos an. »Ich werde es nie finden? Wie soll ich das verstehen und was würden Sie mir empfehlen?«

»Ja«, bestätigte die Frau. »Es ist schwer zu finden, aber ich könnte Sie schnell hinfahren, falls Sie das möchten.«

»Das wäre nett von Ihnen«, freute sich Abigail. »Ich weiß gar nicht …«

»Das macht aber zwanzig Dollar«, unterbrach die Frau.

»Zwanzig Dollar?«, wiederholte Abigail entsetzt. »Ich muss erst mal nachsehen, ob ich so viel dabei habe.« Sie hatte nur noch vierzig Dollar und sollte damit fast einen Monat über die Runden kommen, bis sie ihr letztes Arbeitslosengeld bekommt. Wie sollte das funktionieren?

»Ich muss schließlich den Laden schließen, bis ich zurück bin«, rechtfertigte sich die Frau. »Während meiner Abwesenheit könnten Kunden kommen, wodurch ich Einbußen hinnehmen muss.«

»Sie sind sicher, dass ich es nie alleine finden würde?«, vergewisserte sich Abigail. »Ich habe einen recht guten Orientierungssinn. Versuchen Sie doch einfach, mir den Weg zu erklären. Vielleicht finde ich es ja doch?!«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Das ist absolut unmöglich! Ich kann Ihnen den Weg nicht erklären, weil das viel zu kompliziert wäre. Entscheiden Sie sich bitte. Soll ich Sie jetzt fahren oder nicht?«

»Okay, zwanzig Dollar«, willigte Abigail ein.

Die Frau lächelte, ging mit Abigail nach draußen und schloss den Laden ab. Sie setzte sich in den roten Geländewagen, der am Straßenrand parkte, und öffnete die Beifahrertür. »Steigen Sie ein!« Misstrauisch blickte sie auf die beiden Tüten, in denen Abigail ihr Gepäck verstaut hatte.

Anschließend fuhren sie durch Canmore und bogen einige Male ab. Sie fuhren durch Seitengassen, über Feldwege und Schotterpisten, bis sie endlich in der Aspen Glen Road ankamen.

»Sie hatten recht, ich hätte es nie alleine gefunden«, gestand Abigail. »Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Sie reichte der Frau die zwanzig Dollar und stieg aus dem Wagen.

»Sie müssen den Waldweg etwa zweihundert Meter hochlaufen. Dort werden Sie die Hütte finden«, informierte die Dame.

»Dankeschön.«

»Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Canmore. Denken Sie daran, dass es bald dunkel wird und Sie rechtzeitig zu Ihrem Hotel zurückkommen«, empfahl die Frau. »Sie haben doch hoffentlich ein Hotel gebucht, oder? Ansonsten wäre das echt fatal, weil um diese Jahreszeit alle Zimmer vergeben sind.«

»Danke, ich komme zurecht«, rief Abigail.

»Gerne, man sieht sich«, verabschiedete sich die Frau, wendete den Wagen und fuhr davon.

Abigail verließ die Siedlung und lief in den Wald. »Sie hat bestimmt übertrieben und die Hütte sieht gar nicht so schlecht aus«, versuchte sie sich zu ermutigen. »Schließlich bin ich durch mein dunkles, kaltes Zimmer im Keller abgehärtet. Vielleicht gefällt mir die Hütte sogar so, wie sie ist?«

Nach knapp dreihundert Metern bergauf, erblickte sie die Berghütte, die malerisch von Tannenwald umgeben war, und fing zu lächeln an. »Wusste ich es doch. Es ist gar nicht so schlimm, wie sie gesagt hatte.«

Sie betrat die Veranda und stellte fest, dass die Fenster keine Scheiben mehr hatten und die Haustür aus der Verankerung gerissen war. »Oh nein. Das ist ja eine richtige Baracke«, war sie enttäuscht. Sie stemmte sich gegen die Tür, um diese zu öffnen, was ihr nicht gelang, weil etwas von innen blockierte.

»Jetzt geh endlich auf!« Ungeduldig drückte mit aller Kraft gegen die Tür, als diese plötzlich nachgab und sich öffnete.

Als sie das Innere der Hütte erblickte, wurde sie kreidebleich. Auf dem Fußboden lagen überall Bretter, morsche Balken und Dachpappe herum. Die heruntergebrochene Decke im Flur lag am Boden und hatte im Dach ein klaffendes Loch hinterlassen.

Abigail stellte ihre Tüten ab, kletterte über den Schutthaufen und schlüpfte durch die Wohnzimmertür. Auch dort waren ein riesiges Loch in der Decke und ein Bretterhaufen auf dem Fußboden. Im Schutt lag ein dicker Ast, der offensichtlich durch das Dach gekracht sein musste und diesen Schaden verursacht hatte. Abigail kämpfte mit den Tränen. Sie kletterte über den Schuttberg zum Schlafzimmer und war ein bisschen erleichtert. Die Fensterscheiben waren zersprungen, aber die Wände und Decke schienen intakt.

»Wenigstens kann ich hier im Trocknen schlafen«, sah sie es positiv.

Dann kletterte sie durch den Flur und schlüpfte zur Küchentür hinein. Die Wände und Schränke waren mit Spinnweben überzogen und die Anrichte war staubig. Durch das zerborstene Fenster spürte sie einen kalten Luftzug, der messerscharf über ihre Haut strich.

»Das ist ohne Zweifel ein schönes Häuschen«, log sich Abigail selbst an und versuchte sich vorzustellen, wie es im renovierten Zustand aussehen würde.

Um nicht erneut über den Bretterhaufen im Flur klettern zu müssen, schlüpfte sie aus dem Küchenfenster, um sich das Grundstück um die Hütte herum anzuschauen. Sie hoffte, verwertbares Material für die nötige Reparatur finden zu können. Auf einer Wiese hinter dem Haus entdeckte sie zwei Apfelbäume. 

»Wenigstens muss ich hier nicht verhungern«, jubelte sie, und riss einen der reifen, dunkelroten Äpfel vom Baum.

Sie rieb ihn an ihrer Jacke sauber und ließ sich den lecker süßen, saftigen Apfel schmecken, während sie prüfend zum Küchenfenster hineinblickte.

»Ich muss erst aufräumen«, spornte sie sich an.

An der Hütte befand sich ein Vordach, unter dem Brennholz gestapelt war. Leider war das Dach undicht und das Holz war nass geworden.

Motiviert ging sie zur Haustür, zog ihre Jacke aus und hängte sie über das Geländer der Veranda. Sie betrat den Flur, packte einige Bretter und zog sie nach draußen. Viele Bretter, Balken und eine halbe Stunde später war der Flur vom Schutt befreit und frei begehbar. Jetzt ging sie zum Wohnzimmer und zog auch dort den Schutt heraus. Nach getaner Arbeit lief sie zufrieden durch die Hütte, die jetzt einigermaßen bewohnbar aussah.

»Jetzt fehlt die Decke im Flur und die halbe Wohnzimmerdecke. Die Haustür und die Fenster sind ebenfalls beschädigt«, zählte sie die Schäden auf.

Sie ging nach draußen, suchte sich einen großen Tannenzweig und fegte damit die Hütte sauber. Unter der dicken Staubschicht kam ein schöner Naturholzboden zum Vorschein. Anschließend nahm sie das Bettzeug, brachte es auf die Veranda, schüttelte es aus und klopfte mit dem Tannenzweig auch das letzte Staubkörnchen heraus. Danach machte sie in der Küche eine Bestandsaufnahme vom Inhalt der Schränke. Sie fand Besteck, Ess-, Kaffee- und Kochgeschirr. Sie nahm eine Schüssel mit nach draußen, pflückte einige Äpfel und stellte sie auf den Küchentisch.

»Das ist mein Abendessen und Frühstück«, erklärte sie sich grinsend selbst und versuchte, das Beste aus ihrer Situation herauszuholen und die Sache mit Humor zu nehmen.

Inzwischen wurde es draußen dunkel. Weil sich die Türen nicht verschließen ließen und weder Strom noch Licht funktionierte, überkam Abigail ein mulmiges Gefühl. Sie aß zwei Äpfel, begab sich ins Schlafzimmer und beschloss, sich in voller Kleidung ins Bett zu legen, um der Kälte zu entfliehen. Vergeblich versuchte sie, die Tür zu schließen, was misslang, weil sich der Rahmen durch die Feuchtigkeit verzogen hatte. Weil sich die Haustür nicht verschließen ließ, eilte Abigail in die Küche, zog den blechernen Aschekasten aus dem Küchenofen und stellte ihn hochkant in den Flur. Falls jemand das Haus in der Nacht betreten sollte, würde er über den Kasten stolpern und sie wäre vorgewarnt, so ihr Gedanke.

Hurtig legte sie sich ins Bett und deckte sich zu. »Die Hütte kann ich nicht vermieten und ab nächsten Monat habe ich keinen Cent mehr in der Tasche. Wie soll es jetzt weitergehen? Ich habe kein Geld zum Überleben und erst recht nicht zur Renovierung«, ging es ihr voller Sorge durch den Kopf.

Schlagartig wurde es ihr bewusst, dass sie selbst in der Hütte leben musste, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben, wenn auch nur ein halbes Dach. Sie könnte sich von Äpfeln ernähren, bis sie eine Arbeit gefunden hat, oder zumindest solange die Bäume noch Äpfel gaben. Der Vollmond warf sein Licht durch das kaputte Fenster und erhellte spärlich den Raum. Morgen sieht alles vielleicht ganz anders aus, hoffte Abigail, schloss die Augen und schlief ein.

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Kapitel 2 - Eine aufregende Nacht

Die Nacht schob sich über das Land. Der Mond bahnte sich seinen Weg in den samtschwarzen Nachthimmel und warf seinen silbrigen Schein über die kanadischen Wälder. Hallende Rufe der Nachtvögel durchbrachen die Stille. Ein Schatten näherte sich auf einmal der Hütte und bewegte sich durch die Haustür.

Ein schepperndes Geräusch ließ Abigail dem Schlaf schrecken. »Der Aschekasten«, rief sie erschrocken und spürte ihr Herz pochen. Sie stand auf, schlich ängstlich zur Schlafzimmertür und schaute hinaus in den dunklen Flur.

»Ich warne Sie, ich bin bewaffnet«, drohte sie mit zitternder Stimme.

Im Mondlicht, das durch die offene Decke fiel, erkannte sie plötzlich eine große Gestalt. Schreiend rannte sie durchs Schlafzimmer und entkam mit einem Sprung aus dem Fenster. Auf der Veranda blieb sie stehen und hörte ein Rumpeln und Poltern aus dem Schlafzimmer.